Leseprobe: The number of breaths

Wie versprochen, für 1000 Facebook Likes das erste Kapitel von „The number of breaths“.

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Kapitel 1

Langsam laufe ich die Straße entlang zu meinem Auto. Ich hab es ein Stück entfernt von der Pizzeria parken müssen. Ich freue mich auf mein Abendessen, das ich mir redlich verdient habe nach meiner Doppelschicht. Aus dem Karton kommen verlockende Gerüche nach Käse-Peperoni-Pizza. Mein Magen knurrt bei diesen olfaktorischen Genüssen. Ja, vielleicht ist es nicht das gesündeste Abendessen, aber nach Stunden in der Notaufnahme darf ich das, habe ich beschlossen.

Die Ampel ist rot und ich bleibe stehen. Ein schwarzer 5er BMW fährt an mir vorbei, viel zu schnell. Der Fahrer schreit mir „Fettsack“ zu. Echt jetzt? Einen Moment denke ich darüber nach, ob ich ihm den Mittelfinger zeigen soll, zucke dann aber mit den Achseln und schaue wieder gerade aus. Plötzlich ertönt lautes Scheppern, menschliche Schreie und dieses ekelige Geräusch, wenn sich Metall verbiegt.

Ich schaue in die Richtung und sehe, dass der BMW gegen einen LKW geprallt ist. In dem Moment übernehmen meine Instinkte. Ich lasse mein Abendessen fallen und renne in die Richtung. Oh, Gott, denke ich, als ich näher komme. Das sieht gar nicht gut aus. Der ganze vordere Bereich des Autos hat sich zusammengeschoben und klemmt unter dem Sattelschlepper. Der LKW-Fahrer steigt gerade benommen aus.

Als ich beim BMW ankomme, rieche ich es sofort. Benzin. Ich rufe dem Fahrer zu, dass er sich verziehen und den Notruf wählen soll. Ich reiße an der Fahrertür, bekomme sie aber nicht auf. Ich renne auf die andere Seite, hoffe inbrünstig, dass diese aufgeht. Sie klemmt ein wenig, aber mit roher Gewalt kann ich sie öffnen. Ich kletter in den Wagen. Oh, Gott! Er sieht schrecklich aus. Er atmet nicht, wie ich sofort bemerke. Scheiße! Ich löse seinen Sicherheitsgurt und ziehe ihn zu mir. Eigentlich sollte ich ihn nicht bewegen, aber hier kann jederzeit alles in die Luft fliegen. Daher muss ich es riskieren. Ich versuche, seinen Nacken zu stabilisieren, bemühe mich, so vorsichtig wie möglich zu sein. Ich hoffe, dass seine Beine nicht eingeklemmt sind.

Ich habe Glück, ich kann ihn mit Mühe und Not rausziehen. An der Tür steht bereits ein Passant, der mir hilft, ihn in sichere Entfernung zum Unfallort zu bringen. Kaum legen wir ihn auf den Asphalt, zischt eine kleine Stichflamme hervor und es dauert nur Sekunden, bevor Wagen und LKW in einen Feuerball gehüllt sind. Das war wirklich knapp.

Ich hab keine Zeit mir weiter Gedanken zu machen. Ich öffne seinen Mund, schaue ob es eine Blockade gibt, die verhindert, dass er atmet. Ich fühle auch keinen Puls. Ich schlage einmal so fest ich kann mit der Faust auf den Brustkorb. Keine Reaktion. Noch einmal. Ich spüre seinen Puls wieder, auch seine Atmung setzt ein. Ich untersuche ihn schnell, kann aber nichts finden, was ich jetzt sofort behandeln müsste. Ich drücke mein Halstuch auf seine Wunde am Kopf und warte auf den Rettungswagen.

Als die Sanitäter eintreffen, erkläre ich, was passiert ist, berichte über seinen Zustand und überlasse ihnen dann die Arbeit. Ich bin erleichtert, dass der junge Mann Glück im Unglück hatte, zumindest ist dies wahrscheinlich. Ich frage, in welches Krankenhaus er gebracht wird. St. Frances. Da arbeite ich auch.

Zwei Polizisten kommen zu mir, befragen mich und ich versuche so genau wie möglich in meinen Antworten zu sein. Nur, wie der Unfall passiert ist, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ich habe ja erst hingeschaut, nachdem die Kollision passiert war. Ich gebe ihnen meine Daten, damit sie mich kontaktieren können, und mache mich auf den Weg zurück zur Pizzeria. Auf dem Weg komme ich an meiner fallengelassenen Pizza vorbei und sammel alles ein, um es in die Mülltonne zu werfen.

 

Als ich Zuhause ankomme, wartet Lucas bereits auf mich. Ich küsse ihn kurz auf die Lippen und lasse mich dann mit der Pizza auf der Couch nieder. Er setzt sich neben mich und nimmt ein Stück.

„Harter Tag?“

Ich nicke. „Wir hatten einen verunglückten Reisebus. 30 Verletzte, vier konnten wir nicht retten. Und dann wurde ich gerade auch noch Zeuge eines Unfalls, deswegen bin ich auch so spät dran.“

Er greift nach einem weiteren Stück Pizza. Er sieht interessiert aus, aber ich kenn ihn so gut, ich weiß, dass er mit seinen Gedanken ganz woanders ist. „Und wie war dein Tag?“, frage ich ihn.

Er schenkt mir einen vernichtenden Blick. „Das ist mal wieder so typisch für dich! Nur weil ich keinen gutbezahlten Job habe, musst du mich nicht so von oben herab behandeln!“

Ich seufze. Immer die gleiche Leier. „Tut mir leid, Luke. So meinte ich das nicht. Ich wollte einfach nur wissen, wie dein Tag war. Ohne Hintergedanken.“

Sein Gesichtsausdruck entspannt sich wieder etwas. „Okay. Mein Tag war richtig gut. Ich glaub, ich habe heute den Text für unsere erste Single geschrieben.“

Ich lächel ihn an, versuche unterstützend zu sein und denke dabei nur, wie oft hast du das schon gesagt? „Das ist doch toll!“ Meine Begeisterung hat auch schon mal echter geklungen.

Er hört es genau. „Weißt du, Lotte, nur einmal in meinem Leben möchte ich es erleben, dass du mich von ganzem Herzen unterstützt. Einfach mal an mich glaubst. Aber das ist wohl zu viel verlangt.“ Er steht auf und geht in sein Arbeitszimmer.

Ich seufze wieder. Mir ist der Appetit vergangen. Ich werf den Karton auf den Boden. Ich weiß, dass er unfair ist und trotzdem trifft es mich tief. Wir sind seit 20 Jahren zusammen, haben uns mit 16 kennengelernt und waren seitdem nur wenige Tage getrennt. Ich war mir immer sicher, dass er der Mann für mich ist. Ich liebe ihn. Liebe bedeutet doch nicht, dass man jemanden nicht auch mal nervig finden kann, oder? Ich meine, in jeder Beziehung gibt es gute und schlechte Zeiten, oder?

Aber er hat es mal wieder geschafft. Ich habe ein schlechtes Gewissen und frage mich, ob ich ihn tatsächlich nicht genug unterstütze. Also moralisch und gefühlsmäßig und so. Ich stehe auf und klopfe sacht an seine Tür. Von drinnen höre ich Gitarrenklänge. Er schickt mich nicht weg, also öffne ich die Tür und trete hinter ihn. Meine Arme schlingen sich um ihn.

„Es tut mir so leid, Luke. Es war ein harter Tag, aber ich sollte es nicht an dir auslassen. Verzeihst du mir?“ Ich pflanze einen zarten Kuss auf seinen Kopf.

Er seufzt. Laut. Lauter als nötig. Wahrscheinlich will er mir zeigen, was er für ein Märtyrer ist. Im gleichen Augenblick schelte ich mich für diesen Gedanken. Lucas hat es auch nicht leicht. „Natürlich, Lotte. Das tue ich doch immer.“

Arsch, denke ich, sage aber: „Danke. Ich liebe dich.“

„Zeig es mir.“

Ich löse mich von ihm und sinke auf meine Knie, obwohl ich so was von keine Lust habe, seinen Schwanz jetzt im Mund zu haben. Ich mein, ich komm gerade von einer 24-Stunden-Schicht, hab bis zu den Ellenbogen in Blut gesteckt, Leben gerettet, Menschen verloren, einen Unfall hautnah miterlebt. Kann man da nicht verstehen, dass ich einfach ein bisschen Liebe brauche? Dass ich vielleicht ein kleines bisschen zickig bin? Kann es nicht auch mal um mich und meine Gefühle gehen, statt nur um seine?

Ich bin vielleicht unfair, aber manchmal frage ich mich, warum ich die bin, die gibt und gibt und gibt. Und Lucas nur nimmt.

Er öffnet seine Hose und ich nehme seinen Schwanz in den Mund, lutsche an ihm, lecke ihn, alles, was er so mag. Aber ich bin nicht mit dem Herzen dabei. Lucas scheint das nicht zu stören. Er stöhnt genüsslich, als er mir sein Sperma in den Mund spritzt. Als ich aufstehe, tätschelt er mir den Hintern.

„Du bist richtig dick geworden in letzter Zeit. Dein Arsch ist echt fett. Kannst du nicht mal zum Sport? Noch finde ich das anziehend, aber ich will kein Walross im Bett haben.“

Ich würdige das keiner Antwort, gehe ins Bad. Ich zieh mich aus und stell mich unter die Dusche. Das heiße Wasser prasselt auf mich und ich fühle mich geborgen. Langsam lasse ich mich an der Wand herabgleiten bis ich in der Duschwanne sitze. Ich ziehe die Knie an, schlinge meine Arme um sie und weine heiße Tränen. Was ist nur passiert?

Wir waren immer so glücklich miteinander, oder? Er hat mich mit seiner Spontanität und seinem Leichtsinn und seiner ganzen no risk, no fun-Attitüde bezaubert. Irgendwie hat er mich leichter gemacht. Ich meine, ich war immer ehrgeizig, habe geackert wie eine Blöde, in der Highschool, an der Uni, hatte immer nur die besten Noten. Er hat Spaß in mein Leben gebracht, dafür gesorgt, dass ich mich auch mal amüsiere und nicht vor lauter Stress eingehe. Und er sieht so gut aus! Oder sah zumindest gut aus. Was früher verwegen wirkte, ist jetzt nur noch ungepflegt.

Vielleicht ist das auch immer so ein bisschen unser Problem gewesen. Er war der Liebling der Highschool, dieser eine Junge, auf den alle Mädchen stehen. Obwohl er kein Sportler war, aber dafür war er der Star der Schulband. Und ich, ja, ich war die Streberin, die bei den Mathleten mitgemacht hat, im Debattierclub, die immer als erstes die Hausaufgaben fertig hatte und nach freiwilliger Arbeit fragte, nie viele Freunde hatte, immer ein bisschen pummelig war, keine tollen Klamotten hatte. Ich war auch nicht besonders hübsch. Ich war eben ganz normal. Ich seh ein bisschen aus wie eine graue Maus, oder eher eine braune. Ich hab braune Haare, die noch nie im Leben Volumen hatten, braune Augen, die schön sind, aber auch sehr gewöhnlich. Nichts in meinem Gesicht ist ungewöhnlich oder regt an, einen zweiten Blick auf mich zu werfen.

Ich muss leider gestehen, dass ich in den letzten Jahren auch ein bisschen mehr zugelegt habe. Ich bin ein Stressesser. Und ganz ehrlich, nichts ist so stressig wie das Medizinstudium und die Facharztausbildung. Lucas weist mich beinahe ständig daraufhin, dass ich ein Doppelkinn habe. Wenn ich es objektiv betrachte, weiß ich, dass das nicht stimmt. Ich meine, ich hab Kleidergröße 40, damit ist man kein Pottwal, aber subjektiv verletzt es mich zutiefst.

Niemand hat verstanden, warum er ausgerechnet mich ausgewählt hat. Niemand. Wirklich nicht einer. Alle waren geschockt. Die ganzen hübschen Mädels haben sich gefragt, was ich wohl habe, was sie nicht haben. Die letzten beiden Schuljahre waren die Hölle, weil sie alle absolut eifersüchtig waren und es an mir ausgelassen haben. Täglich.

Und ich hab es auch nicht verstanden. Ich hab mich ihm immer unterlegen gefühlt und so, als müsste ich dankbar sein, dass er mit mir zusammen ist. Und ganz ehrlich, so fühle ich mich auch heute noch.

Ich lege den Kopf gegen die Kacheln, lasse das Wasser auf mein Gesicht regnen. Was mach ich hier nur? Ich bin offensichtlich nicht glücklich. Nicht im Geringsten. Ich hab keine Freunde, Lucas wollte das nie. Ich mache kaum etwas anderes als Arbeiten, den Haushalt und mit Lucas schlafen. Ist das denn schon alles?

Es sammeln sich wieder ein paar Tränen. Alles wäre einfacher, wenn ich ihn nicht lieben würde. Aber das tue ich. Denke ich. Doch, tue ich, oder? Aber es ist eben keine prickelnde Liebe mehr, nicht mehr so schön, wie am Anfang, mehr alltäglich. Das kann doch auch schön sein, oder? Ist es nicht wunderbar, wenn man jemanden hat, zu dem man täglich nach Hause kommt, der einen so gut kennt?

Und warum sitzt du dann in der Dusche und heulst, fragt eine kleine fiese Stimme in meinem Kopf. Ich weiß es nicht. Es ist bestimmt nur der Stress. Ich meine 80-Stunden-Wochen sind schon heftig und heute war auch viel los. Es ist nie leicht für mich, einen Patienten zu verlieren und heute waren es vier.

Lucas klopft an die Tür. „Lotte, komm raus. Du bist schon seit Stunden da drin. Ich will schlafen gehen.“

Ich weiß, was das heißt. Das heißt, er will mit mir schlafen. Manchmal ist er wirklich unsensibel. Oder bin ich einfach nur zickig? Vielleicht bekomme ich meine Tage. Ich denke kurz nach, ja, bestimmt sogar.

Ich rappel mich auf, trockne mich ab und ziehe meinen Bademantel an, bevor ich ins Schlafzimmer gehe. Lucas sitzt nackt auf dem Bett. Ich betrachte ihn. Wann ist er so dünn geworden?

„Zieh dich aus und komm her“, meint er und schenkt mir ein Lächeln, das meine Knie weich macht. Das hat er immer noch drauf. Er gibt mir einen Moment das Gefühl, begehrenswert zu sein. Ich streife den Bademantel ab und kletter aufs Bett. Sein Gesichtsausdruck verändert sich, während er meinen Körper anschaut. Er ist sehr begeistert als er meine Brüste betrachtet. Von da an verdüstert sich sein Blick immer weiter je südlicher er kommt. Auf einmal fühle ich mich nicht mehr sexy, sondern nackt, entblößt.

Er zieht mich in seine Arme und sagt: „Lotte, ganz ehrlich. Ich will nicht gemein sein, aber du bist echt fett. Du warst nie so fett. Ich weiß, das hört sich jetzt nach Obermacho an, aber ich will die Frau, die ich geheiratet habe, zurück. Du hattest einen schönen, heißen Körper. Und jetzt ist da viel zu viel Geschwabbel.“ Er nimmt eine Speckfalte am Bauch zwischen die Finger. „Das ist doch nicht schön.“

Mir treten Tränen in die Augen. Er wischt sie mit den Daumen weg und schaut mir lächelnd in die Augen. „Komm schon, Honey. Nicht weinen. Aber ich muss dir jetzt ein für allemal sagen, dass mich dein Körper nicht mehr so anturnt wie er es mal getan hat. Und wenn das so weiter geht, dann werde ich bald nicht mehr mit dir schlafen.“

Ich glaube, ich hab mich verhört. Ich schaue ihn entsetzt an. Entsetzt, weil er so ein Arschloch ist.

„Ich weiß, eine entsetzliche Vorstellung. Aber du hast es in der Hand. Tu mir einen Gefallen und mach ab morgen eine Diät.“ Er lächelt mich an. Es soll wohl liebevoll sein, aber alles, was ich denken kann, ist, Scheiße, sind deine Augen kalt.

Ich nicke. Wieso? Keine Ahnung. Damit er aufhört, mich weiter zu verletzen? Ja, bestimmt.

Er dreht mich auf den Bauch, zieht meine Hüfte nach oben und dringt hart und schnell in mich ein. Seine Stöße sind tief und treibend. Sein Körper klatscht immer wieder gegen meinen.

„Fuck, Lotte, deine Muschi war auch mal enger“, grummelt er, während er immer schneller in mich rammt.

Als er kommt, lässt er sich auf meinen Körper fallen. Er zieht nicht raus, was bedeutet, er will noch eine zweite Runde. Er streichelt meinen Rücken.

„Was ich dir noch sagen wollte. Das Essen gestern Abend hat mir nicht geschmeckt. Der Reis war verkocht. Pass morgen ein bisschen besser darauf auf.“

Ich höre nicht mehr zu. Es verletzt mich.

Als er wieder hart wird, nimmt er mich noch einmal. Irgendwie scheint es ihn nicht zu stören, dass ich absolut nicht antworte. Ja, im Grunde bin ich bewegungslos. Als er endlich fertig ist, küsst er mich schnell auf den Kopf, dreht sich auf die Seite und schon kurz darauf höre ich seine regelmäßigen Atemzüge.

Ich stehe auf, ziehe meinen Bademantel wieder an und gehe ins Wohnzimmer. Ich lege mich auf die Couch, decke mich zu und zappe dann zur Online-Videothek. Irgendwas mit heißen Jungs, denke ich. Ah, Suits. Perfekt. Ich kuschel mich in die Decke und zu den Stimmen der beiden sexy Anwälte schlafe ich ein. Der Schlaf der Gerechten. Tief und traumlos.

 

Ich wache zu Lucas Fluchen auf. Er scheint eine Tasse fallengelassen zu haben und ist in eine Scherbe getreten. „Fuck, Lotte! Hättest du Frühstück gemacht, wäre das nicht passiert.“

Klar, jetzt bin ich wieder Schuld. Aber mein Helfersyndrom flammt auf und ich gehe in die Küche, drücke ihn auf einen der Barhocker, verarzte seinen Fuß und fege die Scherben auf.

Er schaut mich zufrieden an. „Mir ist nach Pfannkuchen.“

Ich hole die Zutaten aus den verschiedenen Schränken, bereite den Teig und backe die Pfannkuchen, derweil mache ich Kaffee und decke den Tisch. Ich presse Orangen aus und mache mir dann Rührei und einen Obstsalat. Ich schaue ihn fragend an und er schüttelt den Kopf. Nein, Obst und Gemüse ist nicht so seins.

Wir frühstücken still miteinander, er liest ein Comicheft und ich die New York Times. Nein, wir kommen nicht einfach nur von verschiedenen Kontinenten, wir kommen aus verschiedenen Welten. Und meine ist die Erde.

Ich dusche, ziehe mich an und räume die Küche auf. Dann bereite ich Lasagne für Lucas vor, die er sich zum Mittagessen in den Ofen stellen kann. „Schon wieder Lasagne?“, fragt er.

Als ich nicke, grummelt er vor sich hin. Ich meine, so was verstanden zu haben, wie: „Klar, ein schönes Roastbeef für deinen Mann zu zaubern, ist ja auch zu viel verlangt.“

Ich verabschiede mich, küsse ihn kurz auf die Lippen. Er kneift mir in den Hintern. „Vergiss nicht, dass du ab heute diätest. Keinen Burger in der Mittagspause. Iss Salat.“

Ich schließe die Wohnungstür hinter mir und lehne mich einen Moment dagegen. Ich atme ein paar Mal tief durch. Ich laufe zu meinem Auto und fahre zur Arbeit.

An der Pforte erkundige ich mich nach dem Fahrer des BMWs. Die Empfangsdame teilt mir mit, dass es ihm gut geht und dass sich seine Eltern nach mir erkundigt haben. Ich zucke mit den Achseln und mache mich auf den Weg in die Notaufnahme. Meine Station. Ich mag den Nervenkitzel, aber ich komme auch jeden Tag an mein eigenes Limit. Und trotzdem… Ich mag meinen Job und könnte mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen.

Ich ziehe die grüne OP-Kleidung und meinen Kittel an, hänge mein Stethoskop um und stecke meine kleine Uhr an, mit der ich den Puls von Patienten nehme. Meinen Pieper und mein Handy stecke ich in die Tasche.

Josh steckt seinen Kopf in den Umkleideraum. „Es kommen gleich zwei Unfallopfer. Kannst du sie nehmen?“ Josh ist die Stationsleitung und sorgt dafür, dass bei uns alles in geordneten Bahnen verläuft. Es kann schon manchmal richtig chaotisch werden, aber Josh ist ein echter Krisenmanager und so bleibt unser Schiff auf Kurs.

Ich gehe nach draußen, um den Krankenwagen in Empfang zu nehmen. Als dieser kommt, geben mir die Sanitäter eine kurze Zusammenfassung. Das eine Unfallopfer hat kaum Schäden und ich teile ihn einem Assistenzarzt zu, das andere muss sofort in einen Behandlungsraum. Das Pflegepersonal und die Assistenzärzte helfen mir ihn reinzubringen. Auf dem Weg kollabiert seine Lunge. Spannungspneumothorax. Ich ziehe mit einer Spritze die Flüssigkeit aus der Pleura und seine Atmung stabilisiert sich wieder. Sobald wir im Behandlungszimmer angekommen sind, legt eine Assistenzärztin eine Thoraxdrainage. Ich schaue mir die Kopfverletzung an. „Wir brauchen ein Thorax- und ein Kopf-CT.“

In dem Moment wacht er auf und schreit laut. Er windet sich auf der Bahre und die Pfleger haben alle Hände voll zu tun, ihn zu bändigen. Wir verabreichen ihm Morphin. Kaum gegeben, zeigt er an der Einstichstelle eine allergische Reaktion durch das in den Venen freigesetzte Histamin. Ich weise eine Pflegerin an, dies zu beobachten und im Zweifelsfall ein Antihistamin zu verabreichen.

Ich schneide seine Hose auf. Das Bein ist stark in Mitleidenschaft gezogen. Er hat mehrere Brüche, unter anderem des Femurs. „Wir brauchen ein orthopädisches Gutachten. Er muss bald in den OP.“

Während das CT gemacht wird, schaue ich mir den anderen Patienten an. Er sitzt mit Dr. Rosenthal in Raum zwei und er checkt ihn durch. „Wie geht es Ihnen?“, frage ich. Als er gerade antworten will, erbricht er sich auf meine Füße.

„Mögliches Schädelhirntrauma. Wir brauchen sofort ein CT!“ Ich rufe nach mehr Pflegepersonal. Josh bringt mir den Befund des anderen Patienten. „Der Kopf scheint kein Problem zu sein. Forder sicherheitshalber ein neurochirurgisches Gutachten an.“ Ich schaue das Thorax-Bild an. „Scheiße! Er muss sofort in den OP!“

Auf Josh kann man sich immer verlassen. Innerhalb von Minuten wird der Patient zum OP gebracht. Ich schicke zwei Assistenzärzte mit, die im Notfall handeln können. Dann schaue ich mir die Bilder von Patient zwei an. Schwellung im Hirn. Der Hirndruck ist erhöht. Mist. Er verdreht die Augen und wird ohnmächtig. Wir müssen einen Teil der Schädeldecke öffnen, um Platz für das erhöhte Volumen zu schaffen.

Der Neurochirurg kommt in diesem Moment rein und ich bin erleichtert. Er bohrt ein kleines Loch, was schon mal den Druck reduziert. Dann wird er in den OP gebracht. Und ich kann einen Moment durchatmen.

Ich gehe zum Empfang und Josh winkt mich zu sich. Bei ihm steht ein älteres, elegantes Paar. Ganz klar Oberschicht. Sie stehen neben einem Mann im Rollstuhl, der mir den Rücken zudreht.

Als ich bei ihnen ankomme, sagt Josh: „Das sind Mr. und Mrs. Summers und ihr Sohn Adam Summers. Das ist Dr. Charlotte Lindquist.“

Ich schaue sie interessiert an. Mr. Summers reicht mir die Hand: „Dr. Lindquist, wir möchten Ihnen von Herzen danken. Sie haben gestern unserem Sohn das Leben gerettet.“ Mrs. Summers lächelt mich herzlich an.

Ich bin überrascht, ich erinnere mich nicht an sie. Ich schaue Josh an, aber er zuckt mit den Achseln. „Es tut mir leid, ich erinner mich leider…“ In dem Moment dreht sich der Mann im Rollstuhl um und schlagartig weiß ich, wer er ist. Sein Vater dreht seinen Rollstuhl, so dass er mich sehen kann. Er lächelt mich an und ich weiß, dieses Lächeln bringt Frauen dazu, mit ihren Höschen zu winken. Aber ich? Ich fühle Abscheu.

„Das ist mein Job“, sage ich kurz abgebunden und will mich wegdrehen.

„Dr. Lindquist“, höre ich eine tiefe, melodische Stimme und weiß, dass er es ist. Ich schaue ihn an. „Ich danke Ihnen.“

Ich nicke kurz. „Wie gesagt, es ist mein Job.“ Ich drehe mich um.

„Wieso sind Sie so abweisend?“, fragt er mich.

Ich schaue ihn fassungslos an. „Bitte?“

Er schenkt mir ein weiteres Lächeln. „Ich versuche mich zu bedanken, aber Sie sind eiskalt.“

„Ich habe kein Interesse am Dank von Arschlöchern.“ Nun ja, ich gebe zu, dass ich auch schon mal diplomatischer war.

Seine Eltern schauen mich irritiert an, sein Gesicht zeigt Überraschung. Kälter als zuvor sagt er: „Sie kennen mich nicht.“

Ich fauche ihn beinahe an. „Sie erinnern sich nicht? Kurz vor dem Unfall sind Sie an mir in Ihrem schwarzen BMW vorbeigefahren. Erinnern Sie sich, was Sie mir zugerufen haben?“

Er reißt die Augen auf, man kann die Verwirrung auf seinem Gesicht sehen. „Nein, bedaure.“

„Fettsack. Ich stand an der Ampel und Sie haben mir durch Ihr offenes Fenster Fettsack zugerufen.“ Naja, eventuell könnte ich damit ja auch souverän umgehen. Aber nachdem Lucas mich die ganze Zeit damit behelligt, ist mein Fell wohl reichlich dünn.

Er schaut mich einen Moment schockiert an und dann sehe ich Erkenntnis in seinem Gesicht. Er schließt kurz die Augen.

Bevor er etwas sagen kann, meine ich: „Wie gesagt, es war mein Job. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen.“ Und dieses Mal gehe ich wirklich.

Ich verschwinde in der Garderobe und lasse mich auf die Bank sinken. Was ist nur los mit mir? Ich bin doch sonst nicht so. Eigentlich bin ich ausgeglichen, freundlich, sogar zu unsympathischen Menschen. Man lernt in diesem Beruf, nicht alles so nah an sich herankommen zu lassen. Oder vielleicht lernt man auch nur, einige Dinge nicht unter die Haut gehen zu lassen. Und gegen andere ist man nicht geschützt.

Ich stehe wieder auf und stelle mich vor den Spiegel. Ich betrachte mich. Gut, ich bin nicht dünn, aber ich bin auch nicht dick und fett schon mal gar nicht. Ich bin nicht mal wirklich pummelig, denke ich. Der Speck verteilt sich extrem gut. Er verleiht mir Kurven, viel Busen, viel Hintern, aber mein Bauch ist flach, meine Taille schmal. Mein Gesicht ist rundlich, aber nicht speckig. Das vielzitierte Doppelkinn nicht vorhanden, nicht mal, wenn ich unvorteilhaft schaue. Ich drehe meinen Kopf in alle Richtungen, um zu sehen, wann ein Doppelkinn auftaucht. Tut es nicht. Ich bin 36 Jahre. Das nicht mehr alles so straff ist, wie mit 18 ist doch klar, oder? Aber wenn ich mich so betrachte, habe ich mich nicht viel verändert. Ich mein, ich war nie eine Schönheit, aber ich seh jung aus. Also bestimmt fünf Jahre jünger.

Ich höre wie sich die Tür hinter mir öffnet. Ich drehe mich um. Und da sitzt er in seinem Rollstuhl. Ich schaue ihn unwirsch an: „Was wollen Sie noch?“

Er lächelt und ich kann sehen, dass er furchtbar verlegen ist. „Ich möchte mich entschuldigen. Es tut mir sehr leid, dass ich Sie beschimpft habe.“

Ich schaue ihm einen Moment in die Augen, dann wende ich mich ab. „Ja, schon gut.“

Er rollt ein Stück näher. „Nein, es ist nicht gut. Ich hab Sie verletzt.“

Ich lache kalt auf. „Bilden Sie sich bloß nicht zu viel ein.“ Aber er hat recht. Er hat mich verletzt. Zutiefst.

„Dr. Lindquist, bitte, ich verdanke Ihnen mein Leben. Mein Arzt hat mir mitgeteilt, dass ich nicht geatmet habe, dass mein Herz nicht mehr geschlagen hat. Ich wäre tot gewesen, wenn Sie nicht gewesen wären. Und dass Sie…“, er schluckt schwer, „und dass Sie mir geholfen haben, obwohl ich Sie verletzt habe… Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Danke, vielen Dank. Und es tut mir aufrichtig leid.“

„Ich kann mich nur wiederholen. Es ist mein Job.“ Ich bin schon ein stures Miststück.

„Ich…“, er fasst sich auf einmal an den Kopf.

Alarmiert frage ich: „Mr. Summers? Alles okay? Ist Ihnen schwindelig?“ Ich knie mich neben ihn, will seine Augen untersuchen.

Er fasst nach meiner Hand und grinst mich verlegen – aber so charmant! – an. „Entschuldigen Sie, aber ich wusste nicht, wie ich Sie anders auf meine Höhe kriegen sollte.“

Einen Moment bin ich erstarrt, weiß nicht, wie ich auf diese Unverschämtheit reagieren soll. Dann stiehlt sich ein Lächeln auf mein Gesicht.

„Hey, Sie lächeln ja“, sagt er mit einer Stimme, die so unglaublich dunkel und sexy ist.

„Nein, tu ich nicht.“ Aber es stimmt.

Er grinst mich an, bevor er ernst wird. „Es tut mir sehr leid, Charlotte. Ich bin normalerweise nicht so, ich weiß nicht, was mich da geritten hat. Ich mein, ich hatte einen Scheißtag, Stress im Job. Ich war sauer und frustriert. Das ist keine Entschuldigung, ich würde so was niemals gelten lassen. Aber… naja, es ist halt passiert. Es tut mir aufrichtig leid.“

Ich schaue ihn an und sehe, dass er ehrlich ist. „Was, wenn Sie keinen Unfall gehabt hätten? Was wäre dann jetzt?“

Er denkt einen Moment nach. „Sie müssen mir nicht glauben, aber ich hab mich schon schlecht gefühlt, als ich das Wort ausgesprochen hatte. Ich wollte rechts ranfahren und zu Ihnen kommen. Dabei hat mich der LKW übersehen.“

Ich ziehe vor Überraschung scharf die Luft ein. „Sie wollten sich entschuldigen und hatten deswegen den Unfall?“

Er nickt und sieht auf einmal sehr jung aus. Er wirkt auch ein bisschen unsicher.

„Wie alt sind Sie?“, rutscht es mir plötzlich raus.

Er ist überrascht und grinst mich dann wieder an: „28.“

Hmmh, zu jung. Und ich hab ehrlich, ehrlich keine Ahnung, wie ich darauf komme.

Ich lächel ihn verlegen an. „Okay, ich glaube Ihnen und ich verzeihe Ihnen und bitte schön.“

Er schaut mich an und erst jetzt sehe ich, dass er ungewöhnliche Augen hat. Um die Pupille ist die Iris honigfarben und wird dann grün. Er hat lange Wimpern, die Art von Wimpern, die Frauen haben wollen und die bei einem Mann vollkommene Verschwendung sind.

„Danke, Charlotte.“ Ich blicke auf seinen Mund, der voll ist, aber nicht zu voll. Sinnliche Lippen, gemacht zum Küssen, denke ich.

„Gern geschehen. Wie geht es Ihnen denn?“, frage ich, plötzlich ganz die Ärztin.

Er lächelt. „Erstaunlich gut. Ich dachte, dass man sich nach so einer Nahtoderfahrung schlechter fühlt.“

„Kein Schleudertrauma? Wie geht es Ihrem Kopf? Was macht das Bein?“ Automatisch greife ich nach seinem Handgelenk, um den Puls zu checken.

Er legt seine Hand über meine. „Machen Sie sich Sorgen um mich?“. Seine Augen leuchten ein bisschen auf.

„Entschuldigen Sie. Berufskrankheit“, meine ich verlegen und ziehe dann meine Hand weg. Sofort stellt sich ein leises Bedauern ein.

„Kein Schleudertrauma. Nur eine leichte Gehirnerschütterung. Der Unterschenkel ist gebrochen, aber es ist eine glatte Fraktur. Das Knie ist geprellt. Ich brauche den Rollstuhl auch eigentlich nicht, aber das ist wohl Krankenhauspolitik“, er grinst wieder.

Ich schaue ihn mir ein bisschen genauer an. Er hat hellbraune Haare, die aussehen, als wäre jemand mit den Händen drin gewesen. Eindeutig Sexhaare, denke ich. Sein Gesicht ist gut geschnitten, es ist nicht fein, sondern eher markant, nicht zu viel. So dass er männlich aussieht, aber nicht brutal. Er ist gewiss nicht perfekt, aber er sieht schon sehr gut aus. Er hat eine kleine Narbe an der Lippe und ich frage mich unwillkürlich, was da passiert ist. Mein Blick wandert wieder zu seinen Augen. In der linken Augenbraue hat er ebenfalls eine kleine Narbe, verblasst, kaum noch sichtbar. Bestimmt von einem Kampf, denke ich. Oder wegen irgendeiner peinlichen Sache. Ich grinse leicht.

„Warum lächeln Sie?“, fragt er interessiert.

Ich fühle mich ertappt. „Ich … muss wieder an die Arbeit.“

Er sieht mich einen Moment prüfend an. „Ich werde morgen entlassen, wenn alles gut geht. Würden Sie … hmmh … wollen Sie mich wiedersehen?“ Er schaut mich erwartungsvoll an.

Ich schlucke. „Ich bin verheiratet.“ Ich denke, bist du blöd! So ein junger, gutaussehender Mann will doch nichts von dir! Komm mal klar.

Er scheint enttäuscht zu sein. „Oh …“

Ich schlucke. Ich hab das Bedürfnis mich zu entschuldigen, schelte mich dann aber. Du liebst Lucas, sage ich mir vor. Aber einen Moment bin ich versucht zu fragen, wen? „Ich … ich freue mich, dass es Ihnen gut geht, Mr. Summers. Ich wünsche Ihnen alles Gute.“ Wow, eiskalt und herzlos.

Er schaut mich einen Moment traurig an. Wie die Augen von einem Hundewelpen, denke ich unwillkürlich. „Danke, Dr. Lindquist.“ Er rollt langsam raus und ich lasse mich auf die Bank fallen. Was zum Teufel war das denn?

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