Kiss the frog to get the prince – Teil 1

Kiss the

Annie Stone

Kiss the frog to get the prince – Teil 1

»Hast du das gehört?«, fragt mich meine Freundin-Schrägstrich-Assistentin-Schrägstrich-gute Seele meiner Firma-Schrägstrich-Mädchen für alles.

»Was?«, frage ich abgelenkt.

»David Moore wird am Wochenende in der Stadt erwartet«, sagt sie aufgeregt und versucht meine Aufmerksamkeit zu erringen.

»Wer?«, frage ich.

»Lebst du hinter dem Mond, Cathy?«, ruft sie ungefähr zwanzig Dezibel zu laut.

Jetzt schaue ich doch von meinen Papieren auf. Es sind die Quartalszahlen, die mir mein Buchhalter nach Absegnung durch meinen Bruder Chase geschickt hat. »Kann schon sein. Aber von einem David Moore habe ich noch nie gehört.«

»Er ist der Leadsänger dieser total genialen Band David and the other Fruitcakes

»Äh, was?«

Sie schlägt wortwörtlich die Hände über dem Kopf zusammen. »O mein Gott, Cathy! Wenn du nicht meine Chefin wärst, würde ich dich verstoßen.«

»Bist du da nicht ein klein wenig melodramatisch, meine Liebe? Nur weil ich nichts von Steven Moore und irgendwelchen Apfelkuchen weiß?«

Sie schenkt mir einen Blick, der nur so vor Verachtung trieft. »Dir ist doch nicht mehr zu helfen.« Sprach`s und dreht sich um, um jemand anderem mitzuteilen, das ihre Chefin sich benimmt als wäre sie dreiundsechzig, dabei ist sie gerade mal einunddreißig.

Ich schüttel den Kopf? Was ist das auch für ein Bandname? Peter Moore und die Streuselkuchen? Da kann einem doch was besseres einfallen.

Ich widme mich wieder den Zahlen, aber das ist nur, um so zu tun, als würde ich mich dafür interessieren. Ich will natürlich darüber Bescheid wissen, wie die Aktien stehen, ob wir Gewinne oder Verluste machen, ob Frog’s Princess, mein Modelabel, gut läuft oder wir morgen Konkurs anmelden wollen, aber in dieser Intensität muss ich es mir ganz sicher nicht geben. Aber ich will ja eine gute Chefin sein, will zeigen, dass ich mich in meiner Allzuständigkeit auch um die Geschäftsberichte kümmere, aber ehrlich, wem mache ich denn hier was vor?

Ich trete aus meinem Büro heraus und schaue einen Augenblick über das gepflegte Chaos, das sich um mich herum auftut. Ich kann die Energie spüren, wie ein vibrierender Bienenschwarm. So ist es immer, wenn wir nur noch zwei Wochen bis zur großen Show haben. Fashion Week in New York und wir haben unsere eigene Show! Ich kann es noch gar nicht wirklich fassen, in was für einem Wirbelwind ich die letzten vier Jahre gelebt habe.

Nach dem Studium arbeitete ich ein paar Jahre als Designerin für einen Onlinehandel. Aber mir war immer klar, das war nur ein Übergang, denn das war einfach nicht ich. Es waren Kleider von der Stange, Massenware, die möglichst jedem gefallen sollten, daher konnten sie nicht außergewöhnlich und extravagant sein, sondern mussten schlichter sein, dem Geschmack der breiten Masse entsprechen.

Mit siebenundzwanzig habe ich dann mein eigenes Label gegründet und mich Kopf über Hals oder umgekehrt hineingestürzt. Monatelang habe ich an meiner Kollektion gearbeitet, habe teilweise zwanzig Stunden an meinen Zeichnungen gesessen. Es war hart. Und dann kam das Nähen. Wochenlang habe ich Stoffstücke zusammengenäht, habe mir die Finger an den Nadeln aufgepiekt, hatte rotgeränderte Augen, weil ich nie aufhörte und nicht genug Schlaf bekam.

Aber es hat sich gelohnt, denn nach sechs Monaten war meine erste eigene Kollektion fertig. Und sie sah toll aus! Grunge meets Glam, Kurt Cobain trifft Blake Lively. Die Mode war jung und frisch, mit einem Hauch Eleganz und einem Spritzer Rock’n’Roll. Doch wie bekommt man die Klamotten unter die Leute? Meine Freundin Neve hatte die rettende Idee. Guerilla-Modenschauen in der ganzen Stadt.

Meine Freundinnen und ihre Freundinnen waren die Models, Neves Freund sorgte für die Musik und Andy, ein Freund aus der Highschool war für das Licht verantwortlich. Die erste Show liefen wir am Times Square. Zehn Models, zwanzig Outfits zu dröhnenden Beats und psychedelischen Effekten. Wir kamen nur bis Outfit fünfzehn, bevor wir vor der Polizei flüchten mussten. Aber noch an dem Abend bekam ich die erste E-Mail von einem Reporter, der über unsere Aktion berichten wollte. Meine PR-Freundin Bridget hatte die Idee, Karten nur mit meiner E-Mail-Adresse bedruckt unter die Passanten zu bringen, sodass sie mich bei Interesse kontaktieren konnten. Ich nannte dem Reporter unsere nächste Location, Fifth Avenue vor Tiffanys, und eine Woche später wartete bereits eine stattliche Menge auf uns.

Wir veranstalteten fünf solcher Guerilla-Events und ich konnte mich vor Anfragen nicht mehr retten. Frauen, die meine Klamotten haben wollten, Journalisten, die mich kennenlernen wollten, und – Gott sei Dank – Inhaber verschiedener kleiner Boutiquen, die meine Kollektion ins Programm aufnehmen wollten. Ich setzte mich mit meinem Bruder Chase zusammen, der mir half, einen Businessplan zu erstellen, um Geldgeber von mir zu überzeugen. Ich konnte es nicht fassen, wie leicht es war.

Aber vielleicht lag es auch daran, dass ich zu dem Zeitpunkt – nur ein Jahr nachdem ich den Entschluss gefasst hatte, mein eigenes Label zu gründen, bereits fünfhunderttausend Facebook-Fans hatte, die alle mehr wollten. Mehr von … ja, einen Namen hatte ich noch nicht. Da kam meine Freundin Stella ins Spiel, die den Namen Frog’s Princess kreierte. Es kann sein, das wir an diesem Abend zu tief ins Weinglas geschaut haben, würde ich nie bestreiten, aber es war trotzdem ein Glücksgriff. Denn dieser Name ist ein Baustein für den kometenhaften Aufstieg unserer Firma, meiner Firma.

Ich sage in Gedanken immer wir und uns, weil meine Freundinnen, meine Eltern und mein Bruder Chase ebenso viel Anteil daran haben, wie ich. Sie sind meine Stützen, meine Versicherung, mein Netz und mein doppelter Boden. Ich kann Risiken eingehen, weil ich weiß, dass sie da sind, und mich auffangen, wenn ich springe. Ich kann mutig sein, weil sie mir Stärke geben. Sie versprechen mir mit jedem Handstreich, den sie für mich erledigen, sei es Flyer verteilen, in letzter Minute Ersatzmodels besorgen und all die anderen Dinge, die sie in den letzten vier Jahren für mich getan haben, dass sie immer an meiner Seite kämpfen werden.

Wie genau Stella auf den Namen gekommen ist, weiß ich nicht. Im Endeffekt ist das aber auch nicht wichtig. Aber er drückt Stärke aus, sagt, dass man nicht nach alten Konventionen leben soll, sich nicht auf andere verlassen soll, sondern selbst das Zepter in die Hand nehmen soll. Scheiß auf den Prinzen, wenn man selbst die Prinzessin sein kann.

Foto Copyright: shuttestock.com /BlazJ