Kiss the frog to get the prince – Teil 2

Kiss the

Annie Stone

Kiss the frog to get the prince – Teil 2

Lange habe ich nicht Zeit meinen Gedanken nachzuhängen. Hier will eine Naht gerichtet, dort ein Ärmel genäht, eine Schleife gebunden werden. Tatiana, die mittlerweile mit mir an den Kollektionen arbeitet, hat Verbesserungsvorschläge für ein Modell, die ich alle annehme. Sie weiß, was sie tut. Deswegen arbeitet sie für mich. Sie glaubt an Frog’s Princess, ebenso wie alle anderen, die hier arbeiten. Ich mag nicht die höchsten Löhne zahlen, ich mag auch nicht die größten Shows haben oder die besten Karrierechancen bieten, aber mein Label rockt. Es ist trendy, es ist cool, und jeder will uns.

Auch die Glitzerati von beiden Küsten. Zuerst hat die heißeste neue Schauspielerin Hollywoods, DJ Parker, ein Kleid von mir getragen. Keiner weiß, dass wir gemeinsam zur Schule gegangen sind, und sie mir einen Gefallen getan hat, weil ich damals die Einzige war, die ihr beigestanden hat, als sie von Chase – ja, genau, meinem Bruder – gemobbt wurde. Als ich ihm ein Foto von ihr in meinem Kleid gezeigt habe, hätte er sich gerne in den Arsch gebissen. Aus dem hässlichen Entlein ist ein wunderschöner Schwan geworden. Er hat versucht, sich zu entschuldigen, aber sie hat ihn eiskalt abblitzen lassen. Ich kann es ihr nicht verübeln.

Und ich bin ihr wirklich dankbar, denn sie hat den ersten Stein meines kometenhaften Aufstiegs gelegt. Als sie mein Kleid trug, wollten alle meine Kleider haben. Die Nachfrage war viel höher als das Angebot. Ich konnte Tatiana einstellen, und Darcy, meine Assistentin, und ich konnte auch noch Peter anheuern, der ein wahrer Halbgott in der Modewelt ist. Wieso er hier unter Wert arbeitet? Weil er an mich und meine Vision – seine Vision – glaubt. Wie alle anderen auch.

»Kommst du heute mit in diesen neuen Club, Cherie?«, fragt er mich gerade, als er einem Mannequin einen feschen Hosenanzug anzieht.

»Das ist nichts für mich«, sage ich und sehe ihm an, dass er mit keiner anderen Antwort gerechnet hat.

Ich bin nicht so die Partygängerin. Ich muss gestehen, dass ich nicht viel Freizeit habe, und mit dem wenigen bisschen weiß ich andere Dinge anzufangen, als in schrille Clubs zu gehen. Peter sagt mir immer und immer wieder, dass ich noch nicht halbtot bin, und daher meinen klapprigen Hintern auf die Tanzfläche bewegen soll, aber nun mal ehrlich … Ich bin einunddreißig. Da geht man nicht mehr jede Woche in die Disco. Oder? Oder?

»Oh, doch. Du brauchst einen freien Abend, sonst klappst du uns noch zusammen.«

»Das geht schon«, winke ich ab.

»Auf keinen Fall«, sagt er bestimmt. »Du kannst es dir nicht leisten, zwei Wochen vor der Fashion Week schlapp zu machen. Du bist quasi im Dauereinsatz.«

Er reicht mir die Hand, und weil ich weiß, dass es eh keinen Sinn macht, ihm irgendwas zu verwehren, lege ich meine in seine. Er führt mich zur Schatzkammer. Hier sind alle unsere Schmuckstücke zu finden. Jedes einzelne Teil jeder Kollektion, die wir bisher entworfen haben. Noch sind es ja nicht so viele, da reicht ein Raum. Irgendwann müssen wir wohl einen Hangar haben.

Mit geübtem Blick geht er an den Schätzen vorbei, bis er plötzlich stehen bleibt, »aha« ruft und ein Stück aus meiner allerersten Kollektion hochhält.

»Oh, nein«, sage ich, »das kann ich auf keinen Fall tragen.«

Er grinst. »Oh, doch, Cherie. Das bringt deine Möpse zur Geltung.«

Hat er gerade …? »Was weißt du denn von Möpsen?«, frage ich interessiert.

»Deine sind so spektakulär, da kann nicht mal eine Tucke wie ich drüber hinwegsehen«, scherzt er. Und dann drückt er mir den Stofffetzen in die Hand und scheucht mich ins Bad.

Notgedrungen ziehe ich das Teil an, obwohl man eigentlich Teilchen sagen muss. Es ist ein mit silbernen Pailletten besetztes graues Minikleid. Es hat nur einen schmalen Träger, ist vorne und hinten tief ausgeschnitten, so tief, dass ich Klebeband brauche, um meinen Busen zu sichern. Es endet drei fingerbreit unterhalb der Kurve meines Hinterns. Wenn ich mich vorbeuge oder hinknie, schenke ich jedem eine ganz besondere Show.

Als ich aus dem Bad komme, pfeift Peter leise. »Cherie, wenn du ganz besonders verrucht sein willst, lass das Höschen weg«, scherzt er.

Ich werfe ihm einen tödlichen Blick zu. »Falls du es nicht mitbekommen hast, eigentlich will ich ganz und gar nicht verrucht sein. Du zwingst mich hierzu.«

»Das ist nur zu deinem Besten«, grinst er und zwinkert mir zu. Er hört Schritte hinter sich und dreht sich um. Seine Augen beginnen zu funkeln, als er mich wieder ansieht. »Das passt ja wie Gucci zu Schottenrock.«

Ich weiß auch nicht, was er damit meint, aber das ist auch nicht so wichtig, weil ich ahne, was er denkt. Unsere Visagistin, die mit ihrem Team die Models stylen wird, ist gerade zur Tür reingekommen.

»Brandy-Darling, kannst du mal kurz herkommen?«, flötet er durch den Raum.

Ich schüttel entsetzt den Kopf, aber das ist ihm egal. Ich bin mir nicht mal sicher, dass er überhaupt gesehen hat, dass mir der Schweiß ausbricht.

Als sie bei uns ist, legt er ihr den Arm um die Schulter und zeigt auf mich. »Kannst du mit deinem überaus großem Talent unsere furchtlose Anführerin in eine atemberaubende Sirene verwandeln?«

Brandys Augen werden groß. »Du lässt mich dich stylen?«, fragt sie ungläubig.

»Von lassen kann keine Rede sein«, grummel ich vor mich hin.

Aber sie ist viel zu begeistert, dass sie mich in die Finger bekommt, und zieht mich zu einem Stuhl in der Nähe des Fensters. Sie drückt mich praktisch in diesen und beginnt. Sie wirbelt neunzig Minuten um mich herum. Kurz bevor ich vor Langeweile sterbe, ist sie fertig. Peter bringt mir ein paar Prada Heels in meiner Größe und ich stakse auf diesen zu einem Spiegel.

Ich wappne mich innerlich, da ich weiß, dass ich mich nicht erkennen werde. Sie hat mich zugespachtelt, eingekleistert. Ich weiß es genau. Ich atme tief ein, halte die Augen noch einen Moment geschlossen, will den Augenblick der schrecklichen Wahrheit hinauszögern, wünsche mir, dass alle Uhren dieser Welt plötzlich langsamer laufen, um nicht sehen zu müssen, was ich gleich sehen werde. Wie wir alle wissen, kann man manche Dinge nicht ungesehen machen, daher klopft mein Herz bis zum Halse.

Ich zögere noch und kann dann nicht anders als die Augen zu öffnen. Ich … starre. Wer ist diese wunderschöne Frau im Spiegel? Mein Mund öffnet sich … und schließt sich wieder. Ich bin unfähig irgendeinen Satz zu sagen, ach, nicht mal ein Wort bringe ich heraus.

Noch nie in meinem Leben habe ich mich als schön empfunden. Niemals. Nicht ein einziges Mal. Aber jetzt … wow. Das soll ich sein? So kann ich auch aussehen, wenn ich mal die Jeans und die T-Shirts gegen Designerkleidung trage? Denn seien wir ehrlich. Eigentlich bin ich eine Schande für meine Zunft. Ich liebe es, schöne Kleider zu nähen und zu entwerfen, aber in meiner persönlichen Garderobe sucht man sie vergebens.

Peter tritt hinter mich, legt mir die Hände auf die Schultern. Ich sehe seinen stolzen Blick im Spiegel, als wäre all das hier sein Werk. Als wäre ich ein besonders gut gelaufenes Projekt.

»Du bist eine wahre Augenweide, Cherie«, sagt er leise und ich kann eine Träne in seinem Augenwinkel glitzern sehen.

Ich nicke und bin immer noch sprachlos. Er küsst mich zart auf die Wange. Er weiß, wie mir momentan zumute ist, weiß, dass ich mich nie für wirklich hübsch gehalten habe. Aber ich hab Augen im Kopf. Ich kann Schönheit sehen, wenn sie mir praktisch ins Gesicht springt. Oder besser, wenn sie mich aus meinem eigenen Gesicht anstarrt.

»Ich bin schön«, flüstere ich irgendwann beinahe ehrfürchtig.

Brandy steht neben mir und sie sieht sehr zufrieden aus. Ich werfe ihr einen dankbaren Blick zu, und sie drückt meinen Arm. Ich kann es noch nicht ganz fassen.

 

Der Club ist laut und voll und ich fühle mich total fehl am Platz. Wie immer in solchen Situationen, aber Peter hat kein Mitleid und lässt mich nicht entkommen. Als ich mich auf den Weg zu den Toiletten mache, wirft er mir einen warnenden Blick zu. Auch ohne Worte ist mir klar, dass er mir mit Ärger droht, wenn ich meinen Hintern aus diesem Club bewege.

Ich bin erwachsen. Warum lasse ich ihn mein Leben terrorisieren? Das frage ich mich nicht zum ersten Mal. Und wahrscheinlich auch nicht zum letzten, denn Peter kann sehr überzeugend sein, wenn er das will.

Die Toilette ist das übliche Chaos, wenn mehr als eine Frau sich in einem Waschraum befindet. Man kann hören, wie sich mindestens zwei Frauen übergeben, in einer der Boxen bekommt gerade jemand einen Blowjob, am Spiegel stehen vier Frauen, die sich gegenseitig begutachten, als hinge ihr Leben davon ab. Und dazwischen bin ich. Ich, die einfach nur nach Hause will. Ich, deren Füße brennen als wäre sie gerade einen Marathon gelaufen. Ich, die schlechte Laune bekommt, weil die Situation geradezu lachhaft ist.

Als ich aus dem Waschraum trete, rempelt mich jemand an.

»Hey«, rufe ich noch, aber er geht einfach weiter. Schwankend. Wahrscheinlich hat er es nicht mal absichtlich gemacht. Und dennoch bin ich mit der Schulter gegen die Wand geklatscht.

Ich reibe sie mir und mache mich auf den Weg zu Peter. Ich laufe beinahe in Darcy hinein, die es gar nicht fassen kann, dass ich da bin. Ich ja auch nicht.

Sie umarmt mich und zieht mich dann mit sich. Sie deutet auf einen Mann, der inmitten einer Traube voll von Frauen steht, die ihn alle anhimmeln. »Das ist David Moore«, schreit sie mir ins Ohr. Ihr Ton klingt so ehrfürchtig, wie er in dieser Lautstärke klingen kann.

»Wer?«, schreie ich zurück. Der Name sagt mir nichts, das Gesicht sagt mir nichts. Und ehrlich gesagt, ist mir das auch lieber so. So unglaublich toll sieht er ja nun nicht aus. Er ist relativ klein, fällt mir als erstes auf. Alles andere ist mir egal. Nennt mich oberflächlich, aber ich mag es, wenn Männer halbe Riesen sind. In mehr als nur einer Art, wenn ihr versteht, was ich meine. Ach, zu subtil?

Mein Blick wandert durch den Raum, während Darcy schmachtend diesen David angafft. Sie ist so fasziniert von ihm, dass sie vergisst, mich für meine absolute Ignoranz was Celebrities angeht, anzumachen. Vielleicht sollte ich sie nicht darauf hinweisen …

Wie von einem Magneten angezogen macht sie sich in seine Richtung auf und ich nutze den Moment, um ihr zu entkommen. Ich gehe wieder zu Peter, sehe, dass er beschäftigt ist einem Typen die Mandeln zu massieren, und trete schnell den Rückzug an.

Ich nutze die Gunst der Stunde und verziehe mich in eine der Nischen, die es hier haufenweise gibt. Sie sind mit Vorhängen verdeckt, aber sie bieten genug Platz. Ich setze mich auf die Bank und seufze auf, als ich endlich den Druck auf meine Füße mildern kann.

Es ist dunkel und die Geräusche des Clubs sind abgemildert, vielleicht auch nur in meiner Fantasie, denn schließlich ist Stoff nicht unbedingt als super Schalldämpfer bekannt. Es ist möglich, dass es hier ebenso laut wie im Hauptraum ist. Und das würde auch erklären, warum ich ihn nicht gehört habe.

Aber ich spüre ihn. Ich spüre seinen Atem in meinem Nacken.

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