Kiss the frog to get the prince – Teil 4

Kiss the

Irgendwas ändert sich in diesem Moment. Vielleicht die Art, wie unsere Körper aneinander reiben. Vielleicht irgendetwas in der Zusammensetzung der Luft. Vielleicht die Geräusche, die zu uns fliegen. Vielleicht irgendwelche Energien oder Chakren oder weiß der Himmel was. Aber etwas ändert sich. Und das ist der Moment, in dem ich wieder zu Sinnen komme, meine Hände gegen seine Brust drücke und ihn von mir schiebe.

Ein leises Glucksen ertönt. Nicht albern und kindisch, sondern tief und sexy. Und es macht mich wütend!

»Was erlauben Sie sich?«, schäume ich vor Wut. »Wie können Sie es wagen, mich einfach so zu küssen?«

Er grinst mich breit an. Seine Grübchen erscheinen. Ich sehe seine Zähne aufblitzen, ein schöner Kontrast gegen seine Lipp… Nein, nein, nein! Aufhören! Sofort!

»Da hat wohl jemand einen Knoten im Höschen«, scherzt er. Obwohl … ist das ein Scherz? Ich glaube nicht.

»Was erlauben Sie sich?« Ich weiß, ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich bin so aufgebracht, dass mein Gehirn nichts anderes mehr hervor bringen kann. Ich kann es nicht fassen!

Wütend reiße ich den Vorhang zur Seite und stürme raus. Ich höre ein amüsiertes Lachen und »Wir sehen uns wieder, Darlin’«, bevor ich zu weit entfernt bin. Ich eile zur Bar, bestelle einen Drink.

»Was für einen?«, fragt der Barkeeper belustigt.

»Scheiß egal«, antworte ich und er lacht, als er ein Glas mit brauner Flüssigkeit vor mich stellt.

»Ich hab mal einen doppelten gemacht. Du siehst aus als könntest du den gebrauchen.«

Ich nicke und trinke. O Gott! Meine Kehle beginnt zu brennen und ich huste, aber ich zwinge die Säure meinen Hals hinunter. Ich stelle mir vor, wie sie alles in mir verätzt, aber als sie in meinem Magen angekommen ist, breitet sich so ein warmes Gefühl in mir aus. Ein so unglaubliches Gefühl, dass ich noch mal das Gleiche bestelle.

Als dieser dem ersten gefolgt ist, steigt mir die Wärme nicht nur in den Bauch, sondern auch in den Kopf. Eine angenehme Taubheit legt sich über meine Gedanken, die sonst immer im Kreis herum jagen, aber jetzt mal still sind. Oder fast zumindest.

»Hey, Cathy«, sagt Peter in mein Ohr.

Ich drehe mich zu ihm, grinse ihn an, und rufe: »Peter! Oh, wie lieb ich dich.« Okay, vielleicht ist das ein wenig zu laut gewesen.

Peter grinst. »Du hattest zu viel zu trinken.«

»Nur zwei.« Ich halte meine Hand nach oben und zwei Finger, aber irgendwie sieht das wie vier aus. Komisch.

»Du bist betrunken«, lacht er wieder.

»Bin ich nicht«, antworte ich entrüstet. So ein Unfug. Ich war noch nie betrunken. Außer das eine Mal auf der Tequilaparty. Und dann das mal im College. Oh ja, und wenn ich es recht bedenke, war ich auch in der Highschool schon betrunken. Mehrmals. Wie dem auch sei. Geschichte.

Aber wirklich. Ich hatte doch nur zwei Drinks, doppelte, ja, aber das waren nur zwei. Ich bin doch nicht so ein Weichei, das nach ein bisschen Alkohol tot umfällt.

Peter lacht und wird dann von seinem Knutschkumpel weggezogen. Wahrscheinlich für Runde zwei oder vielleicht zehn? Ich starre ihm hinterher und denke, ich sollte böse auf ihn sein, aber mir fällt nicht mehr ein, wieso. Der Barkeeper schaut mich komisch an, als mein Kopf ganz langsam auf die Theke sinkt. Was ist …?

 

Mein Kopf dröhnt. Schlaftrunken fasse ich mir an die Stirn, versuche zu verstehen, warum das alles so wehtut. Was ist denn geschehen? Alles liegt im Nebel. Ich kann mich nur noch erinnern, dass Peter mir ein Outfit ausgesucht hat und wir in den Club gegangen sind. Danach ist alles weg. Das ist also der berühmte Filmriss, denke ich. Aber wie konnte ich es denn so weit kommen lassen? Ich kann die Male, die ich betrunken war, an zwei Händen abzählen. Okay, an drei Händen, aber wirklich, so ging es mir danach nie. Mein Kopf ist irgendwie taub, als wäre alles gedämpft, gleichzeitig sind da diese pochenden Kopfschmerzen, so stark, wie ich sie noch nie gespürt habe.

Ich stöhne leise.

»Wow, jetzt bin ich hart«, sagt eine fremde Stimme neben mir.

Ich zucke zusammen, als hätte mir jemand eine Ohrfeige verpasst.

Die Stimme nimmt einen besorgten Klang an. »Keine Sorge, Darlin’. Mach die Augen auf.«

Ja, mach die Augen auf. Das ist leichter gesagt als getan! Wo sind sie denn? Und wie kann ich die Muskeln bewegen, die sie öffnen? Ich fasse mir mit der Hand ins Gesicht und reibe sanft über die Lider, die aber nicht aufgehen.

»Fuck, Darlin’, du bist ja noch vollkommen hinüber. Vertrau mir, ja?«

Ich nicke, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun soll. Aber ich werde dieser fremden Stimme ganz sicher nicht vertrauen! Komme, was wolle.

»Okay, dann mach den Mund auf. Ich hab hier zwei Advil für dich und ein Glas Wasser. Ich schätze, du hast einen ganz schönen Brummschädel.«

Wasser! Ich merke, wie mir die Zunge am Gaumen klebt, und ich lechze förmlich nach einem Schluck. Es ist zwar vollkommen unverantwortlich, aber ich öffne den Mund. Ich spüre die beiden Tabletten auf meiner Zunge und dann den Rand des Glases, der gegen meine Lippen drückt. Gierig trinke ich.

Gott, tut das gut. Jetzt geht es mir schon wieder ein kleines bisschen besser. Zumindest nicht mehr so schlecht wie beim Aufwachen.

Eine starke Hand streicht mir über die Stirn. »Schlaf noch ein bisschen, Darlin’. Ich bin nebenan, wenn was ist.«

Schlaf …

 

Wo bin ich? Die Laken fühlen sich anders an, als bei mir zu Hause. In meinem Schlafzimmer ist es auch nicht so dunkel. Wie spät ist es eigentlich? Ich öffne langsam die Augen und sehe mich um. Alles vollkommen unbekannt. Wo bin ich denn hier gelandet?

Ich versuche mich zu erinnern, was geschehen ist, wie ich hierher gekommen bin. Aber da ist nichts. Nur eine weiße Wolke, die über allem drüber liegt. Mein Kopf tut weh, aber es ist auszuhalten.

Ich stehe auf, ein bisschen schwankend, aber es geht. Ich bemerke, dass ich ein T-Shirt und Boxershorts trage, wie mir vollkommen unbekannt sind. Ich zucke mit den Schultern. Da habe ich wohl meinen ersten One-Night-Stand erlebt. Dumm nur, dass ich mich gar nicht erinnern kann.

Ich öffne die Tür und schaue mich in dem Flur um, in den ich komme. Weiße Wände, ohne Bilder und sonstiges. Vielleicht doch kein ONS, sondern ein Krankenhaus?

Ich höre Geräusche, menschliche Geräusche. Jemand summt. Ich folge den Lauten und komme in eine große Küche. Am Herd steht ein Mann und summt irgendeine Melodie vor sich hin, die ich nicht kenne. Er brät irgendwas und meine Nase wird mit olfaktorischen Genüssen verwöhnt. Mein Magen grummelt.

Er dreht sich um und schenkt mir ein strahlendes Lächeln. »Hey, Darlin’. Du kommst gerade recht. Ich hab dir ein Katerfrühstück mit Speck und Eiern gezaubert.«

»Haben wir …?«, krächze ich und breche dann ab.

Er zieht eine Augenbraue hoch. »Haben wir was?«

»Du weißt schon. Miteinander geschlafen?«

Er grinst und Grübchen erscheinen auf seinen Wangen. »Ich hoffe doch, dass du dich daran erinnern wirst, wenn wir das erste Mal vögeln.«

Ich bin erleichtert und auch irgendwie enttäuscht. Und das obwohl ich ja gar nichts von dem Sex mitbekommen hätte. Also, wenn wir welchen gehabt hätten. »Oh. Gut.«

»Setz dich, Darlin’.« Er häuft Eier und Speck auf zwei Teller und bringt sie dann an den Tisch.

»Guten Appetit«, murmel ich und stürze mich dann auf mein Frühstück, als hätte ich seit Jahren nichts mehr gegessen. Er schaut mir amüsiert zu.

Als ich fertig bin, fragt er: »Kannst du dich an irgendwas erinnern?«

Ich schüttel den Kopf und trinke mein Glas Orangensaft in einem Zug leer. »Nein. Das letzte, was ich weiß, ist, dass ich mit meinem Freund Peter in den Club gegangen bin. Danach ist alles weg.«

»Dein Freund Peter?«, fragt er missmutig.

»Mein bester Freund«, sage ich und sein Gesicht hellt sich ein wenig auf.

Er streicht sich über das Gesicht. »Okay, Darlin’. Zeit, dem Unvermeidlichen ins Auge zu blicken.« Er schaut mich besorgt an und ich frage mich, was passiert ist. »Ich hab dich gestern in dem Club gefunden, als du mit dem Kopf auf der Theke eingeschlafen bist. Ganz offensichtlich hat dir jemand was in den Drink getan.«

Mein Kopf schnellt hoch. »Wie bitte?«

Er nickt. »Du erinnerst dich nicht, aber wir hatten uns vorher schon getroffen. Also habe ich ein Auge auf dich gehabt. Du hattest zwei Drinks. Viel zu wenig, um so platt zu sein. Die einzige logische Erklärung ist, dass dir jemand was untergemischt hat.«

Ich schlage die Hände vors Gesicht und stöhne laut. »Bin ich … ich mein … Roofies? Wurde ich …?«

Er schüttelt vehement den Kopf. »Nein, Darlin’. Mach dir keine Sorgen. Sobald dein Kopf auf der Theke lag, war ich bei dir. Dir ist nichts passiert. Aber die Frage ist, wer hat dir die Drogen gegeben?«

Die Erleichterung schwappt über mich. Puh, ich wurde nicht vergewaltigt. Und dann durchzuckt es mich. Hat er …?

Sein Blick verfinstert sich. »Ich mag nicht, wo deine Gedanken dich gerade hinführen.«

Ich schaue ein wenig schuldbewusst, aber ich muss es wissen. Auch, wenn ich vielleicht falsch liege und ihn mit meinen Anschuldigungen verletze, aber ich muss es wissen. »Hast du …?«, flüstere ich beinahe und es schüttelt mich vor Scham.

Er richtet sich auf und beugt sich zu mir. »Nein, Darlin’. Hab ich nicht. Ich verstehe, warum du fragen musst. Aber es kotzt mich an«, sagt er fest.

»Okay«, sage ich kleinlaut. Mir kommen die Tränen, als mir klar wird, was alles hätte passieren können.

Ich weiß tief in mir, dass er die Wahrheit gesagt hat. Mein Körper fühlt sich nicht an, wie nach einer Sexnacht. Es mag zwar schon länger her sein, aber ich weiß noch zu gut, wie unglaublich gut sich das anfühlt, wenn dein Körper müde ist, weil du die ganze Nacht gevögelt hast, wie es so gut an den richtigen Stellen wehtut. Die Erinnerung bringt eine Welle von Traurigkeit mit sich, weil es schon ein paar Jahre her ist, seit ich das letzte Mal Sex hatte.

Als er meine Tränen sieht, flucht er leise, kommt zu mir, hebt mich hoch, setzt mich auf seinen Schoß und schlingt seine Arme um mich. »Ganz ruhig, Darlin’. Alles ist okay. Ich hab dich. Ich lass nicht zu, dass dir was passiert.«

Ich klammer mich an ihn, weine in seiner Halsbeuge. Und fühle mich sicher. Hier in den Armen eines Fremden. Um ehrlich zu sein, bin ich mir noch nie so beschützt vorgekommen, wie jetzt.

Nach einer halben Ewigkeit sind die letzten Tränen getrocknet. Ich richte mich auf, schaue ihn an. Zum ersten Mal richtig. Und was ich sehe, raubt mir beinahe den Atem.

Es klopft an die Wohnungstür. Klopfen ist untertrieben, es ist mehr ein Hämmern. Ich schaue ihn überrascht an. Er will aufstehen, aber ich kann mir nicht vorstellen, ihn loszulassen. Wieso auch immer ist er gerade meine Stütze. Er küsst mich auf die Stirn und nimmt meine Hand. Als wir an seiner Wohnungstür ankommen, positioniert er uns so, dass ich hinter ihm stehe. Dann öffnet er die Tür.

Ein massiger Körper steht da, funkelnde Augen, Schaum vor dem Mund, Dampf kommt aus seinen Nüstern. Ich glaube, er hat Tollwut. Ich ziehe an seinem Arm – ich weiß gar nicht, wie er heißt. Will ihn von diesem Ungeheuer wegbekommen.

»Du kleiner Wichser bist tot!«