Das geheime Leben einer modernen Nonne – Teil 2

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»Zweihundert Dollar, wenn du mir einen bläst.«

»Fünfhundert Dollar, wenn du mit mir nach hinten gehst, und die Beine breit machst.«

Wenn ich wollte, könnte ich in einer Nacht sehr viel mehr Geld machen, als ich es als Stripperin tue. Viel mehr. Wie viele Männer kann man wohl an einem Abend vögeln, ohne danach eine zerfetzte Muschi zu haben? Zwei, drei? 1500 Dollar könnte ich locker machen. Sechs Tage die Woche ohne Urlaub … So weit kann ich nicht mal zählen.

Aber ich habe keinen Sex.

Du hast richtig gehört, ich habe keinen Sex. Nie.

Aber fangen wir von vorne an. Meine Geschichte ist ein bisschen ein Klischee, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass alles genau so geschehen ist. So typisch und so vorhersehbar, dass man wie in einem schlechten Thriller der Hauptdarstellerin zurufen will, doch nicht in gerade Linie vor dem autofahrenden Mörder davon zu rennen, sondern nach links oder rechts auszuweichen. Oder wohin auch immer.

Wenn man allerdings selber die Protagonistin ist, dann ist das immer nicht so einfach. Ich könnte für jede meiner Freundinnen die perfekte Entscheidung treffen. Welchen Mann sollst du heiraten? Diesen hier. Welchen Job sollst du annehmen? Diesen hier. Easy as Pie. Aber wenn es um mich geht und meine Entscheidungen, dann bin ich so hilflos wie ein neugeborener Welpe. Blind und mit zuckendem Näschen. Oder so.

Es trug sich also – ich hatte dich gewarnt, dass es ein echtes Klischee ist! Mecker nicht mit mir – in der Nacht des Abschlussballs zu. Ich wurde zur Königin gewählt und Patrick Burke, Quarterback, Schwarm aller Mädchen, wurde zum König gewählt. Ich dachte, dies wäre die Erfüllung meines Traums, endlich mit dem tollsten Jungen der Schule den Abend verbringen.

Drei Stunden später fand ich mich unter ihm auf dem Rücksitz seines Wagens wieder. Ich war so naiv, ach mehr noch! Ich war einfach dumm. Man kann da kein anderes Urteil fällen. Meine Oma hat immer gesagt, niemand kauft die Kuh, wenn man die Milch umsonst hergibt. Und ich hab quasi den ganzen Bauernhof in einer Nacht verschenkt.

Wir haben ein Kondom benutzt, zumindest dachte ich das. Schließlich hat Patrick lange genug mit dem Ding herumgefummelt, dass ich sicher war, dass es auch dran war. Aber es sieht so aus, als hätte er nur irgendwann aufgegeben, mit dem Ding zu hantieren. Jedenfalls – Klische, Klische, Klische! – wurde ich schwanger. Und um das noch zu toppen, meinte Patrick, das könne unmöglich seins sein, denn – O-Ton! – beim ersten Mal könne man gar nicht schwanger werden.

Nun, dann war ich wohl ein medizinisches Wunder. In unserer Kleinstadt in Ohio wurden schwangere Teenies nicht geteert und gefedert, aber angestarrt, als hätten sie drei Köpfe. Bist du jemals die Straße entlang gegangen, hast die Menschen freundlich gegrüßt, und sobald du vorbei warst, hast du sie tuscheln hören? Und sie haben Worte benutzt, die ich den alten vertrockneten Waschweibern niemals zugetraut hätte.

Als dann meine Tochter geboren wurde, haben sie weiter gelästert. Alles wurde kommentiert. Die Haarfarbe – der Alte auf der Mayfair Plantage hat genau die gleiche Farbe. Wann sie Zähne bekam – also, der Sohn von der Taylor hatte auch mit sechs Monaten den ersten Zahn. Wann sie laufen lernte – der Sohn von Millie Cuthbert, der alte Halunke, ist auch schon mit zehn Monaten gelaufen.

Niemand ist auf die Idee gekommen, dass es Patrick Burke sein könnte, der zu diesem Zeitpunkt bereits in Harvard Medizin studierte. Denn zu allem Überfluss war er nicht nur gutaussehend und ein Sportass, nein, er war auch noch intelligent. So intelligent, dass ihn Harvard mit Kusshand nahm. Kill me now!

Ich war auch klug. Vielleicht ist das nach der ganzen Geschichte nicht offensichtlich, daher betone ich das mal. Ich war wirklich klug. Ich hatte ein Stipendium für Stanford. Aber dann wurde ich schwanger und bekam ein Baby und war … tut mir leid … gefickt.

Es war so unfair! Er hatte auch Sex, aber ich war die Hure von Babylon. Er hat das mit dem Gummi vergeigt, aber ich war schwanger. Er hat mir ins Gesicht gelacht, als ich ihn um Hilfe bat, aber ich lag achtzehn Stunden in den Wehen. Unfair.

Als Betty drei war, habe ich es nicht mehr in diesem Kaff ausgehalten. Man sollte doch meinen, dass die Klatschtanten auch irgendwann mal ein anderes Thema haben würden und ich wieder meine Ruhe habe. Aber das war so nicht. Ich war vier Jahre lang das Gesprächsthema. Wahrscheinlich bin ich es immer noch, aber ich war seit fünf Jahren nicht mehr da, daher kann ich es nicht mit Sicherheit sagen.

Natürlich stellte ich mir vor, dass mir die Welt offensteht, dass sie quasi nur auf mich gewartet hat, aber da hat mir dann das Leben ins Gesicht gelacht. Ich hab gekellnert und viel zu viel für die Betreuung meiner Tochter ausgegeben. Dann traf ich auf Ashley, die auf der Durchreise war. Ich servierte ihr Kaffee, aber leider landete der nicht in der Tasse, sondern auf ihrem Schoß. Statt mir eine zu scheuern, erzählte sie mir von ihrem Leben als Stripperin. Sie erzählte es so, als wäre das alles super. Als wären die Straße von Las Vegas mit Gold gepflastert und gutaussehende Männer würden nur darauf warten, dir Diamanten an den Finger zu stecken. Mal davon abgesehen, dass ich keinen Brilli wollte, hörten sich die Verdienstmöglichkeiten aber toll an. Ich würde genug Geld haben, um für Betty eine vernünftige Tagesmutter zu engagieren. Ich könnte vielleicht was fürs College beiseite legen. Meinen Traum durch meine Tochter leben …

Und mal ehrlich, wie schwer kann es schon sein, sich auszuziehen?

Es war schwerer als gedacht. Die Furcht vor der Nacktheit hat tiefe Wurzeln geschlagen. Alles, was auch nur ansatzweise mit Sex – Sex ist des Teufels! – zu tun hatte, wurde verpönt, daher war ich ja ein schäbiges Flittchen. Weil ich es getan hatte.

Ashley stellte mich Marco vor, und dieser dachte, dass ich die ganze Unschuldsnummer gut drauf habe. Dann sagte er: »Auf die Knie und lutsch meinen Schwanz. Ich muss die Ware testen, bevor ich dich auf meine Kunden loslassen kann.«

Ich drehte mich um und ging.

Ich kam bis zur nächsten Ecke, als Ashley mich schließlich einholte und sagte, dass Marco einen komischen Sinn für Humor hat, und ich am nächsten Abend anfangen kann. Ich ging also mit ihr zurück, Marco sagte, ich müsste aber ein bisschen lockerer werden, um in der Branche zu bestehen, und dann war ich Stripperin.

Nacktsein durfte ich sofort, aber tanzen wurde mir erst noch gezeigt. Gott sei Dank. Linedancing war alles, was ich konnte.

Das Geld war gut und wie gesagt, ich dachte, wir schwer kann das schon sein? Ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass meine Sympathien für das männliche Geschlecht, die durch Patrick Burke bereits abgeflaut waren, sich derart in Nichts auflösen würden. Man kann keine gute Meinung von Männern haben, wenn man hier arbeitet. Das geht einfach nicht. Keine Stripperin hat das. Und trotzdem sind ihre Motive unterschiedlich.

Es gibt drei Kategorien von Stripperinnen.

Erstens diejenigen, die sich einen reichen Ehemann suchen wollen.

Zweitens diejenigen, die sich dadurch das Studium oder die Weiterbildung finanzieren wollen.

Drittens diejenigen, die keine andere Perspektive haben.

Dreimal darfst du raten, zu welcher Kategorie ich gehöre.