PETE Kapitel 1

So, hier kommt nun das erste Kapitel von PETE. Ich schreib dann mal weiter 😉

KAPITEL EINS

Damals

Ich drücke mich in eine dunkle Ecke, will nicht, dass er mich sieht, aber will ihn sehen. Ersterer ist mein Bruder, letzterer mein Schwarm seit ich denken kann. Ich habe mich heute aus dem Haus geschlichen, um sie spielen zu sehen. Naja, eigentlich interessiert mich mein Bruder nicht. Technisch gesehen ist es wohl seine Band, immerhin ist er der Sänger, aber ich habe wie immer nur Augen für ihn. Pete. Den Bassisten.

Ich weiß, ich weiß. Die Bassisten sind immer die Coolsten. Leider sagt man auch, dass sie die meisten Mädels abbekommen … Und wenn sie dann noch aussehen wie Pete …

Dunkle, fast schwarze Haare, die ihm bis auf die Schultern fallen. Grüne Augen, die mich leider immer nur spöttisch ansehen. Ich bin halt die kleine Schwester seines besten Kumpels. Mehr nicht. Leider. Wenn er mir nur eine Chance geben würde … Ich könnte so viel mehr sein, als das. Ich könnte …

Hmmh, gut, ich bin erst fünfzehn und er ist siebzehn. Vielleicht kann ich ihm gar nicht geben, was all die Mädchen ihm geben, die ihm ständig um den Hals fallen. Ich verdränge den Gedanken. Ich hab keine Erfahrungen mit Jungs. Und das schlimme ist, ich will auch keine. Nur mit Pete.

Ich sehe nur ihn an. Die anderen vier Mitglieder seiner Band interessieren mich nicht. Meinen Bruder würde ich nicht ansehen, wenn er der letzte Mensch auf Erden wäre. Igitt. Wie die anderen aussehen, weiß ich nicht mal, wenn ich ehrlich bin. Ihre Namen? Mir egal.

Pete sieht einfach wie ein Gott aus, wenn er da so auf der Bühne steht. Er hat eine Jeansjacke mit abgeschnittenen Ärmeln an. Um den Oberarm hat er ein rotes Bandana geknotet. Hey, es ist das Jahr 2000! Und er kann es tragen. Wirklich. Pete ist einfach ein Traum. Er ist nicht zu groß, was ganz praktisch ist, denn ich bin es auch nicht, schlank, und dazu noch dieses Gesicht … Ich könnte ihn stundenlang anstarren.

Jemand rempelt mich an, und ich werde in den Raum geschubst. Ich kann mich nicht halten, falle auf die Knie. Ich spüre, wie jeder zu mir sieht. Jeder. Auch alle auf der Bühne.

»Rose Cooper, das ist wohl nicht dein Ernst!«, brüllt mein Bruder ins Mikro.

Mist. So viel zum Thema, dass ich nicht will, dass mein Bruder Jensen mich sieht. Ganz großartig gemacht.

»Ähm …«, sage ich.

»Weiß Mom, dass du hier bist?«

Na, super. Jetzt muss er mich auch noch vor der ganzen Schule beschämen. Ich muss ihm dringend eine Kröte oder etwas ähnlich Ekeliges ins Bett legen. So ein Arsch.

Eine Hand greift um meinen Arm und hilft mir auf. Ich schaue zum Besitzer derselbigen und hoffe einen Moment, dass es Pete ist. Aber es ist Michael, mein anderer Bruder. Hab ich schon erwähnt, dass ich vier habe? Nein?

Michael ist der Älteste. Er ist zwanzig und geht aufs College. David ist achtzehn und beendet in diesem Jahr die Highschool. Und dann kommen die Zwillinge Jensen und Brian. Sie sind siebzehn.

Es ist euch wahrscheinlich aufgefallen. Nicht nur habe ich vier Brüder, ich habe vier ältere Brüder. Bitte erschießt mich sofort.

»Was soll das, Rose?«, fragt Michael, während er mich aus dem Club zerrt.

»Ich wollte die Band sehen«, murmel ich vor mich hin, während ich versuche, seinem Stechschritt zu folgen.

»Mom hatte nein gesagt.« Er öffnet die Beifahrertür seines Wagens und katapultiert mich unsanft hinein.

»Ja, aber nur, weil ihr gesagt habt, dass ihr auf keinen Fall ein Auge auf mich haben werdet.«

»Wir sind nicht deine Babysitter.«

»Das ist so unfair! Als die Zwillinge fünfzehn waren, durften sie überall mit hin. David und du habt immer auf sie aufgepasst.«

»Das ist was anderes.«

»Wieso?« Aber ich kenne die Antwort bereits. Weil ich ein Mädchen bin. Die Standardantwort meiner Brüder seit ich denken kann. Nein, du kannst nicht mit uns Football spielen, du bist ein Mädchen. Nein, du kannst nicht mit uns zum Baggersee, du bist ein Mädchen. Nein, du darfst nicht mit zum Lagerfeuer, du bist ein Mädchen. Bäh, ätzend!

»Weil du ein Mädchen bist.«

»Ich will aber keins sein!«, gebe ich zurück, obwohl ich natürlich weiß, wie unsinnig dieser Satz ist.

»Du bist aber eins, also finde dich damit ab!«

»Das ist einfach nur zum kotzen.«

Er blinkt, um in unsere Straße einzubiegen. »Weißt du, was zum kotzen ist? Dass ich gerade meine kleine Schwester nach Hause fahren muss, obwohl ich gerade noch meine Zunge in so ’ner Kleinen hatte.«

»Bäh, widerlich!«

Er grinst. »Ach, ja, richtig … Du wurdest ja noch nie geküsst.«

Dazu möchte ich sagen: Wie denn auch? Ich habe ja vier Bodyguards, die jedem Typen den Kopf abreißen, wenn er sich auch nur auf hundert Meter nähert. Wie soll ich da geküsst werden?

»Wieso bist du so gemein?«

Er wuschelt mir durch die Haare, was ich überhaupt nicht leiden kann, und daher den Kopf wegziehe. »Ach, Pumpkin. Ich hoffe, du machst es irgendwann mit jemandem, der dich richtig liebt.«

Neugierig blicke ich ihn an. »Wie war es bei dir?«

»Für Männer ist das anders.«

Natürlich. Wie konnte ich auch was anderes annehmen? Deswegen soll ich es mit einem Jungen machen, der mich liebt, weil ich eine delikate Blume bin. Es ist zum … zum … Mäuse melken!

»Pumpkin …«

»Nenn mich nicht so.«

»Aber du bist nun mal unser kleiner Kürbis.«

»Ich hasse diesen Namen.«

Er zuckt mit den Schultern und hält vor unserem Haus. »Muss ich dich reinbringen oder machst du das alleine?«

»Ich mach das alleine«, grummel ich, während ich nach dem Türöffner greife.

»Hey, sei nicht sauer.«

»Doch. Ihr lasst mich im Stich.« Ich steige aus, höre nicht mehr, was er noch sagt, weil ich die Tür zuknalle. Viel zu laut in der stillen Nacht. Und wie sollte es auch anders sein, das Licht in Moms Zimmer geht an. Ganz großartig.

»Bist du das, Pumpkin?«, fragt sie, als sie das Fenster hochgeschoben hat.

»Ja«, gebe ich zu und eile zur Haustür. Diese Diskussion will ich nicht im Freien führen. Ich seh schon, wie sich Mrs. Coulters Vorhänge bewegen.

Als ich aufschließe, höre ich sie die Treppe herunterkommen.

»Rose Cooper, ich hatte dir ausdrücklich verboten, wegzugehen!« Sie funkelt mich mit ihren blauen Augen an.

Sie ist eine schöne Frau. Eine sehr schöne. Sie hat kastanienbraune Haare, die einen rötlichen Schimmer haben. Wunderschöne dunkelblaue Augen. Sie ist schlank und groß. Eine echte Amazone. Sie hat ihr gutes Aussehen an vier ihrer Kinder weitergegeben. Beim fünften kam dann die krude Mischung heraus, die ich bin.

Ich bin klein, dürr wie ein Strichmännchen, habe orangene Haare und blassblaue Augen, die manchmal grau aussehen. Zu allem Überfluss habe ich Sommersprossen und Locken. Glaubt mir, kein attraktiver Look. Hinzu kommen noch meine Zahnspange und eine Brille.

Außerdem habe ich nicht mal Brüste.

Nicht, dass ich sie vermisse, aber ich sehe ja, wie Jungs Mädchen anstarren, die Brüste haben. Und so werde ich nicht angesehen. Gut, das könnte auch an dem Rest des nicht so attraktiven Pakets liegen, aber selbst Amanda bekommt mehr Blicke als ich. Früher waren wir beide hässliche Entlein. Seit sie Brüste hat – mehr als genug für drei, möchte ich hinzufügen –, bin ich alleine im Ententeich.

»Ich weiß«, sage ich kleinlaut.

Und irgendwie habe ich ihr damit schon den Wind aus den Segeln genommen. Sie nimmt mich in die Arme. »Ich mache mir Sorgen um dich, weil ich nicht weiß, wie du alleine nach Hause kommst. Weil ich nicht weiß, auf was für Menschen du triffst. Du bist doch mein kleines Mädchen.«

Wie soll man sauer auf eine Mutter sein, die so was sagt?

»Ich hab dich lieb, Mom.«

Sie küsst mich auf den Kopf. »Ich hab dich auch lieb, Pumpkin. Geh ins Bett. Morgen ist Schule.«

»Hab ich Hausarrest?«

Sie lächelt. »Das könnte dir so passen. Du vergräbst dich eh schon viel zu sehr in deinem Zimmer.«

Sie kennt mich einfach zu gut.

 

Meine Brüder und ich haben ein schwieriges Verhältnis. Vielleicht ist es aber auch einfach ganz normal. Sie dürfen mich triezen bis aufs Blut, aber niemand sonst darf das. Daher finde ich morgens Zahnpasta unter meiner Klinke, Furzkissen auf meinem Stuhl (Jungs werden zwölf und danach nur noch größer) und Salz in meinen Cornflakes. Wenn aber irgendjemand in der Schule mich auch nur schräg ansieht, dann sind die Cooper-Jungs da, um mich zu beschützen. Immer.

Nur leider auch dann, wenn mal jemand Interesse hat … Ich mein, nicht, dass jemand Interesse hat … Ach, ihr wisst schon.

»Hey, Pumpkin«, höre ich, als ich am nächsten Morgen in die Küche komme.

»Dad!«, rufe ich und falle ihm in die Arme.

Er war die letzten zwei Wochen auf Geschäftsreise in Asien. Meine Eltern leiten gemeinsam unser Familienunternehmen, in tausendster Generation. Na gut, das ist übertrieben, aber es ist schon ewig lange im Besitz der Familie Cooper. Cooper Gems. Früher haben wir mit echten Edelsteinen gehandelt, aber irgendwann sind wir auf Kristallglas umgestiegen. Geschliffenes Bleiglas, das sich ohne Lupe kaum mehr von einem echten Diamanten unterscheidet, aber natürlich nur einen Bruchteil kostet. Wir liefern an Endkunden, aber auch an Unternehmen, die Mode und Schmuck herstellen.

Ich sage immer wir, weil ich technisch gesehen ein Teil davon bin oder zumindest sein werde. Sobald wir achtzehn werden, werden wir zu stimmberechtigten Mitgliedern. Meine Eltern sind die Geschäftsführer, aber die Firma gehört der ganzen Familie. Zu unterschiedlichen Teilen. Mein Vater gehört der Hauptlinie von Cooper Gems an. Es wird sichergestellt, dass immer mindestens einundfünfzig Prozent bei uns liegen. Diese hält momentan seine Mutter, ein furchtbarer Drachen, wenn ihr mich fragt.

Mein Vater hat fünfzehn Prozent von seinem Vater geerbt. Und der Rest ist auf diverse Familienmitglieder aufgeteilt, unter anderem besitzen meine Brüder Michael und David jeweils vier Prozent. Aber das ist mir alles zu kompliziert. Wichtig für mich ist nur, wenn ich achtzehn werde, gehört ein Teil der Firma mir, aber ich werde niemals das Sagen haben, denn Michael ist dafür vorgesehen. Es trifft sich daher sehr gut, dass ich auch überhaupt kein Interesse habe, mit synthetischen Steinen zu handeln, pardon, mit Kristallglas.

Bei uns ist es immer laut. Immer. Einer ist lauter als der andere. Immer. Schreien ist akzeptable Lautstärke. Immer.

Nur ich … ich bin ruhig. Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt, ich will die anderen nicht ausstechen, ich will niemanden anbrüllen, damit er mir zuhört. Ich will einfach nur ich sein. Ich in einer Familie voller Selbstdarsteller.

Wir frühstücken gemeinsam. Das ist eine der wenigen Regeln, die es gibt. Nur Michael ist entschuldigt, weil er im College schläft. Alle anderen müssen pünktlich antanzen. Tagsüber können immer unvorgesehene Dinge geschehen. Dad hat noch spät Termine, Mom muss ins Labor, meine Brüder haben andere Verabredungen, aber der Morgen gehört uns als Familie.

Während ich also in aller Stille meine Cornflakes esse, tobt um mich ein Chaos epischer Lautstärke. Alle haben was zu sagen oder zu schreien oder zu brüllen. Es fliegen Worte wie Geschosse um mich herum. Phrasen wie Cruise Missiles. Sätze wie Langstreckenraketen.

Vor gar nicht allzu langer Zeit haben wir in der Schule über verschiedene philosophische Richtungen gesprochen. Unter anderem über die Stoa. Mir ist, ehrlich gesagt, nicht viel im Gedächtnis geblieben. Nur so viel: Sie versuchen durch Ruhe und Gelassenheit zu Weisheit zu gelangen. Okay, das mit der Weisheit hat vielleicht noch Zeit. Aber in diesem Bombenhagel, der meine Familie ist, ist Ruhe und Gelassenheit wirklich wichtig. Stoisch. Ja, das ist mein zweiter Vorname.

»Reich mir mal die Butter, Pumpkin«, sagt mein Vater. Und das ist der einzige Satz, der an mich gerichtet wird.

Zusätzlich zu meiner normalen Gemütslage bin ich auch noch ein Morgenmuffel, während meine Familie … ihr ahntet es … munter aus dem Bett springt. Manchmal frage ich mich, ob ich adoptiert wurde.

Versteht mich nicht falsch. Ich liebe meine Familie. Naja, mit Ausnahme meiner Brüder. Also, ich liebe Mom und Dad über alles. Aber es ist einfach offensichtlich, dass ich nicht hier reinpasse.

Und trotzdem … Trotzdem würde ich es nicht anders wollen.

 

Schule ist wie immer halt. Was gibt es da groß zu erzählen? Ich bin eine mittelmäßige Schülerin. Nur wirklich gut in den Dingen, die mich interessieren. Literatur und Musik. Alles andere ist so überhaupt nicht mein Fall. Schon gar nicht Sport. Ich bin aber auch – zu allem Überfluss – eher tollpatschig. Hand-Augen-Koordination? Weit gefehlt. Bei allen Ballsportarten schieße ich eher mich selber ab. Rennen? Ha! Ich bin eine Niete.

Aber Musik … Ja, das ist meins. Und lesen. Würde das eine olympische Disziplin sein, wäre ich im Team. Lesen für England. Die Goldmedaille wäre mir sicher.

Aber so muss ich mich damit abfinden, dass ich statt einem coolen Kid, ein Nerd bin. Obwohl … in Mathe bin ich nicht wirklich gut. Oder ist das ein Geek? Keine Ahnung, nicht mal nerdig genug dafür bin ich.

Ich sitze alleine an einem Tisch in der Cafeteria. Kopfhörer in den Ohren, meine Finger spielen Luftgitarre, während mir Pete Dohertys Stimme durch den Körper jagt. Ich mag die Libertines. Ich muss sagen, dass …

Ohhhhh … Meine Augen werden geradezu magisch angezogen von einem anderen Pete. Meinem Pete. Naja, technisch gesehen nicht meiner, aber im Herzen schon. Er weiß es nur noch nicht.

Wenn ich romantisch wäre, würde ich jetzt kleine Herzen in meinem Block malen. Okay, es gibt kleine Herzen in meinem Block. Ist ja schon gut. Aber ich werde weder verneinen noch bestätigen, ob ich jemals Rose Calhoun ausgeschrieben habe. Okay, okay. Hab ich. Zufrieden? Ich bin einfach so unglaublich in Pete Calhoun verliebt, es wäre peinlich, wenn es jemand wüsste. Aber – und ich möchte sagen: Gott sei Dank! – kann ich meine Gesichtszüge und meinen Körper kontrollieren. Ich werde nicht rot, ich stottere nicht, ich werde nicht plötzlich ungeschickter, was auch schwer wäre. Nein, niemand könnte je erraten, dass ich Pete mag. Liebe? Ja, doch, liebe.

Pete hat auch keine Ahnung. Aber ich glaube, er sieht mich nicht mal. Ob er weiß, dass ich existiere? Schwer zu sagen. Kann sein, kann nicht sein. Meinen Namen kennt er zumindest nicht. Wie alle aus meiner Familie nennt er mich Pumpkin. Dabei ist er der einzige, für den ich Rose sein will.

Meine Augen folgen ihm, während er mit seinem Tablett durch den Raum schlendert. Lässig stellt er es auf einem Tisch ab. Die Mädels klimpern mit den Wimpern und hauchen »Hi, Pete«, die Jungs halten ihm die Ghettofäuste hin. Rituale von Teenagern auf der ganzen Welt. Von coolen Teenagern.

»Du bist nicht in seiner Liga«, höre ich durch den Nebel der Musik in meinem Kopf.

Ich schaue auf, sehe das hämische Grinsen von Zicktoria. Mist. Ganz so unauffällig bin ich dann wohl doch nicht.

Victoria, oder Zicktoria, wie ich gerne sage, ist Petes Geschmack des Monats. Ich möchte ja nicht gemein sein, aber das ist wahrscheinlich wie bei den Bohnen in allen Geschmacksrichtungen bei Harry Potter. Manchmal trifft man eben auch auf Kotze.

Ich nehme betont langsam die Stöpsel raus. »Was hast du gesagt?«

»Du hast mich verstanden, Loser. Pete gehört mir. Und selbst wenn es anders wäre, würde er sich nicht mit einem hässlichen Mauerblümchen wie dir abgeben. Nicht sein Stil.«

Sie rauscht davon mit ihren wallenden Haaren, ihrem perfekten Körper – mit Brüsten! – und ihrer strategisch ausgewählten Kleidung, mit der sie ihn um den Finger wickeln will. Zu meiner Freude ist er mit ihr genauso unverbindlich, wie mit allen anderen Mädchen auch. Gott sei Dank.

Falls es euch nicht aufgefallen ist, ich habe keine Freunde, seit Amanda vom hässlichen Entlein zum Busenwunder mutierte. Zumindest keine echten. Ich habe Elizabeth Bennet und Belle und Jane Eyre. Tausende Freunde, die in den tollsten Geschichten zum Leben erweckt werden. Nur leider niemanden, der sich in Fleisch und Blut neben mich an den Tisch setzen könnte. Aber wer braucht die auch schon? Dann bin ich eben alleine. Und einsam. Aber das verrate ich niemandem.

Nach der Schule bin ich alleine Zuhause. Meine Eltern sind arbeiten, meine Brüder bei irgendwelchen Freunden, und ich habe das Haus für mich alleine. Ruhe.

Nicht lange, weil ich sofort mein tägliches nachschulisches Ritual beginne. Schuhe aus, Haare auf, Gitarre an den Verstärker angeschlossen und … Frieden. Also, innerer Frieden, Gelassenheit, Zufriedenheit. Äußerlich lasse ich meine Finger über die Saiten gleiten und die ersten Riffs von Basket Case erschüttern das Haus. Na, gut, das ist übertrieben. Sooooo laut ist es auch nicht. Nur beinahe.

Ich spiele die Akkorde, singe in meinem Kopf den Text von Green Day mit. Laut würde ich das niemals tun. Meine Stimme klingt wie eine rostige Gießkanne. Nein, ich weiß auch nicht, wie die klingt.

Song nach Song spiele ich und genieße es, dass ich mal aus mir raus kann, dass ich laut sein kann, dass ich ich sein kann. Ja, ich bin nicht immer nur das stille Mäuschen, obwohl mein laut bei weitem nicht an das laut meiner Familie herankommt. Daher bin ich wahrscheinlich auch so leise, weil ich auch, wenn ich lauter wäre, immer noch mega leise wäre. Macht das Sinn?

Aber hier, jetzt, in den Stunden, die ich alleine in unserem Haus verbringe, ist das alles wie weggeblasen. Als Zögern und Zaudern und mich in den Hintergrund drängen. Ich stehe im Mittelpunkt. Ich. Ganz allein.

Nach ein paar Stunden höre ich auf, weil ich weiß, dass bald die ersten Anzeichen von weiterem Leben in diesem Haus auftauchen. Ich verstecke meine Gitarre und den Verstärker. Ich weiß eigentlich nicht so ganz wieso, weil meine Familie weiß, dass ich beides habe.

Dazu muss man wissen, dass Jensen zwar der einzige ist, der in einer Band spielt, aber musikalische Begabung liegt in der Familie. Jeder spielt mindestens ein Instrument. Michael spielt Klavier, Brian und David Gitarre und Jensen Schlagzeug und Keyboard. Sie können alle gut singen, was ihnen beide Elternteile mitgegeben haben. Hier frage ich mich erneut, ob ich adoptiert bin.

Früher haben wir oft gemeinsam musiziert. Oder sagen wir besser, ich habe zugehört, wie sie musizierten. Meine Eltern haben mir die Gitarre vor drei Jahren gekauft, aber sie wissen alle nicht, dass ich sie jeden Tag raushole und übe. Sie wissen alle nicht, dass ich mir das Spielen alleine beigebracht habe. Sie wissen nicht, dass ich wirklich gut bin. Auch, wenn das nur meine bescheidene Meinung ist.

Ich greife nach meinem Buch und kuschel mich in meinem Lesesessel, den ich letztes Jahr zu Weihnachten bekommen habe. Ich höre meine Brüder unten, aber niemand stört mich. Ich lächel. Genauso, wie ich es mir wünsche.

Ein paar Stunden später steckt meine Mutter den Kopf durch die Tür. »Hey, Pumpkin.«

Ich schaue auf. »Hey, Mom.«

»Hast du was gegessen?«

Ich zucke mit den Schultern. Hab ich nicht. Ich vergesse das manchmal.

»Komm runter. Wir haben Pizza bestellt.«

»Ich les nur noch das Kapitel zu Ende.«

Sie lächelt. »Gut, aber wirklich nur das aktuelle.«

Und wieder einmal denke ich, dass sie mich wirklich gut kennt.

Als ich nach unten gehe, sitzt Mom mit einem Laborbericht am Küchentresen. In der anderen Hand hat sie ein Stück Salamipizza, in das sie zwischendurch hineinbeißt. Jensen und Brian essen ihre Pizza auf der Couch.

»Hey, Pumpkin«, ruft Brian und wirft mir ein Kissen an den Kopf. Unkoordiniert, wie ich bin, stolpere ich beim Versuch es zu fangen über meine eigenen Füße. Sie lachen. Meine Mutter schaut auf, bekommt aber mal wieder nichts mit.

»Hier, Spinat mit Extrakäse.« Sie schiebt mir den Karton zu und ich nehme ein Stück von meiner Lieblingspizza.

»Danke.«

»Setz dich zu mir und erzähl, wie es in der Schule war. Wie geht es Anna?«

»Amanda.«

»Sag ich doch.«

»Gut.«

Sie muss nicht wissen, dass Amanda das letzte Mal vor drei Monaten ein Wort mit mir gewechselt hat. Muss nicht wissen, dass ich keine Freunde habe. Muss nicht wissen, dass das hier beinahe die ersten Worte sind, die ich den ganzen Tag gesagt habe.

Wenn sie es wüsste, würde sie sich Sorgen machen. Und das soll sie nicht. Sie hat schon genug um die Ohren. Die Probleme ihrer anti-sozialen Tochter müssen sie nicht noch zusätzlich belasten.

Brian und Jensen schauen fern, Mom liest, und ich … ich träume so vor mich hin.

Von Pete.

Ich geb es ja zu. Ich träume von Pete. Immer.

Ich wünschte, dass ich etwas anderes sagen könnte, aber es ist nun mal wahr.

Es klingelt an der Tür. Da niemand reagiert, rutsche ich vom Stuhl und gehe zur Tür. Als ich sie öffne, muss ich mich zusammen reißen, um keine Regung zu zeigen.

Pete.

Einen Moment vermischen sich meine Träume und die Wirklichkeit. Ich bin froh, dass ich ihn nicht zur Begrüßung umarme. Mann, wäre das peinlich. Komm mal wieder klar.

»Hey, Pumpkin«, sagt er und drückt sich an mir vorbei.

Er geht hier ein und aus, was es mir nicht leichter macht. Obwohl ich dadurch viel Traummaterial habe.

Ich brauche einen Augenblick, um mich zu sammeln. Contenance. Aber es fällt mir schwerer als sonst. Wieso? Ich weiß es nicht.

Die Tür fällt nach meinem kleinen Schubs leise ins Schloss.

Ich schleiche zurück auf meinen Platz, rücke ein bisschen so, dass ich Pete sehen kann, der sich zu den Zwillingen auf die Couch gesetzt hat, und mümmel an meiner Pizza. Meine Mutter ist abwesend und sonst bemerkt mich sowieso keiner.

»Ist Darren jetzt draußen?«, fragt Brian.

Ich spitze die Ohren. Darren … Das ist doch der Gitarrist der Band, oder?

»Ja, Mann. So was von draußen«, meint Pete und inhaliert ein Stück Pizza.

Jensen schaut in den Karton und nimmt das letzte Stück. »Genau.«

»Ich dachte, ihr seid so dicke«, meint Brian kauend.

Jensen zuckt mit den Schultern. »Waren wir. Aber nach der Sache mit Steves Schwester haben wir keinen Spielraum.«

Steves Schwester? Ich versuche mich zu erinnern. Lauren, glaube ich. Was ist mit ihr? Ich hoffe, Brian fragt nach.

»Das ist echt ’ne Scheißaktion gewesen«, stimmt Brian zu.

Pete schaut durch die Kartons. »Gibt es noch Pizza?«

»Der Kürbis hat bestimmt noch welche«, meint Jensen wegwerfend. Ich bin solche Worte gewöhnt, aber sie tun trotzdem weh. Als würde ich gar nichts für ihn zählen.

Pete steht auf und kommt zu mir. Er schaut in meinen Karton. »Isst du das noch?«

Ich schüttel stumm den Kopf.

Er lächelt. »Danke.«

O. MEIN. GOTT! Er hat gelächelt. Mich angelächelt! Und sich bedankt! Wahnsinn! Er weiß, wer ich bin! Ich … das hier … wow … bester Tag meines Lebens.

Ich möchte die Ode an die Freude schreiben, so glücklich bin ich.

Er nimmt den Karton und geht zurück zur Couch.

Brian guckt in den Karton. »Klar, der Kürbis bestellt immer nur Kaninchenfutter.«

Pete zuckt mit den Schultern. »Der Hunger treibt’s rein.«

Und dann … Dann zwinkert er mir zu.

Und ich? Ich fall vom Hocker. Wortwörtlich.

Aber die Jungs bekommen das nicht mit. Hoffe ich.

Mom schaut auf. »Alles okay?«

Ich nicke nur mit hochrotem Kopf. Wenn er es gesehen hat? Was wird er dann denken? Ich stehe vom Boden auf und traue mich erst gar nicht, wieder zu ihnen zu sehen.

»Und was dann?«, fragt Brian.

Jensen macht eine Geste, die offenbar bedeuten soll, ist doch offensichtlich. »Wir machen ein Vorspiel und suchen einen neuen Gitarristen.«

Und das ist alles, was ich höre … Sie machen ein Vorspiel! Sie suchen einen neuen Gitarristen. Ob ich …? Könnte ich das? Bin ich gut genug? Würde Jensen mich in die Band lassen?

Bestimmt nicht. Verdammt. Ich muss einen Weg finden …

Ich stehe auf und schleiche die Stufen nach oben. Wie kann ich es schaffen?

Abgesehen von der Tatsache, dass ich dann Zeit mit Pete verbringen könnte, ist es mein größter Wunsch in einer Band zu spielen. Ich weiß, ich weiß, das klingt wie das letzte, was ich wollen sollte, weil ich dann viel Aufmerksamkeit habe, aber mein Herz flattert aufgeregt bei der Idee. Ich will das, fällt mir auf. Ich will das wirklich.

Wie kann ich es schaffen?

Mir ist bewusst, dass Jensen die härteste Nuss sein wird. Ich glaube – oder besser, ich hoffe! –, dass die anderen mir eine Chance geben, wenn sie wissen, wie gut ich bin. Nur … wie zeige ich ihnen das? Sobald sie mich sehen, wird Jensen durchdrehen. Ich kenn ihn doch. Er wird rumschreien, mir keine Chance geben. Und dann können die anderen auch nichts machen. Vor allem, was sollen sie machen, wenn ich noch keinen Ton gespielt habe?

Wie kann ich spielen ohne Jensens Wutausbruch?

Ich könnte … Hmmh … Ein Demo? Vielleicht nehme ich ein Demo auf, aber wer garantiert mir, dass sie sich das anhören? Vielleicht kommen so viele, dass sie nur die Live-Auditions berücksichtigen.

Nein, ich muss vorspielen. Das geht nicht anders.

Ich schaue in den Spiegel, betrachte meinen knabenhaften Körper.

Ich verkleide mich.

Als die Idee in meinem Kopf auftaucht, bin ich fasziniert von ihr. Kann ich das? Kann ich mich so verkleiden, dass mich niemand erkennt? Dass mich mein Bruder nicht erkennt?

Ich hole eine Baseballkappe aus dem Schrank, stopfe die Masse an orangenen Haaren unter diese und betrachte mich im Spiegel. Ohne die Locken sehe ich tatsächlich aus wie ein Junge. Das könnte funktionieren.

Hoffe ich.

Ich werde mir andere Klamotten kaufen und dann einen coolen Jungen kreieren, der in einer Rockband spielen könnte. Ja, das mache ich.

Ich werde … keinen Ton rausbringen. Keine Note spielen können. O mein Gott! Wieso habe ich gerade nur gedacht, ich könnte das? Pete wird da sein. Mein Bruder wird da sein. Ich mein, hallo? Wie soll ich das denn schaffen?

Ganz ruhig. Ganz ruhig. Tief durchatmen.

Erst mal muss ich herausfinden, wann das Vorspiel ist. Dann habe ich noch immer Zeit, mir etwas zu überlegen. Oder auszurasten. Was auch immer wahrscheinlicher ist.