Em Evol – Leseprobe

KAPITEL EINS

Liebe ist: Vertrauen, Ehrlichkeit, Geborgenheit, gemeinsam lachen (aber so richtig mit Bauchweh und Tränen), aber auch gemeinsam streiten (so mit Fetzen fliegen und so), Unterstützung in allen Lebenslagen, miteinander weinen, alles miteinander teilen und, und, und, und … Nussschnitte. – Alexandra S.

1933 war kein gutes Jahr, um geboren zu werden, aber das fand ich erst später heraus. Obwohl mein Onkel Todd das wohl anders sehen würde. In dem Jahr wurde die Prohibition beendet und der Alkoholiker konnte sein Gesöff wieder im Geschäft kaufen, statt selbst Moonshine zu brauen, der ihn blind werden ließ.

Aber sonst hatten wir seit dem Schwarzen Freitag nichts zu lachen. Schon gar nicht in einer Kleinstadt in Indiana, der es schon vorher nicht besonders gut ging. Wir fühlten uns einfach nur noch dreckig. Mein Vater verlor seinen Job, was ihn ebenso depressiv werden ließ wie unsere Wirtschaft. Aber er war kein in sich zurückgezogener Depressiver, nein, er war jener, der seine Frau und seine fünf Töchter schlug.

Ich erinnere mich, dass er mich das erste Mal schlug, als ich fünf Jahre alt war. Es war, als würde mein Gesicht explodieren, dabei traf er mich gar nicht richtig, weil er so betrunken war. Augenblicklich kamen mir die Tränen. Ich spüre heute noch, wie meine Unterlippe damals zu zittern begann. Mein Daddy hatte mir wehgetan! Ich konnte es einfach nicht fassen. Ich hatte erlebt, dass er meine Mom schlug, auch meine vier älteren Schwestern, aber mich? Doch nicht mich!

Meine Mom verdiente Geld, indem sie bei fremden Leuten putzte. Pennys nur, aber genug, um dafür zu sorgen, dass niemand von uns verhungerte. Knapp nur, aber immerhin. Sie war den ganzen Tag weg, machte sich krumm, um ihre Familie durchzubringen.

Nachts hörte ich ihre Schreie, wenn Dad sie an ihre ehelichen Pflichten erinnerte. Bis er schließlich beschloss, dass sie zu alt war, und er sich die Nachbarsfrau nahm, die jung war, aber hässliche Zähne hatte.

Ich war die Jüngste, also versuchten alle, mich vor Schaden zu bewahren. Sie würden die Strafen auf sich nehmen, damit mir nichts passierte. Und ich war undankbar. Ich wusste dieses Geschenk nicht zu schätzen. Erkannte nicht, wie viel ich ihnen verdankte.

Und dann kam der Krieg. Europa war so weit weg, Deutschland noch viel weiter. Und ich war sechs. Ich verstand nicht einmal, was Krieg war. In einer Familie nur mit Mädchen war das auch kein Thema. Erst als Amerika 1941 in den Krieg eintrat, verstanden wir, dass es ernst war. Pearl Harbour erschütterte uns alle, aber mit acht war es mir wichtiger, dass ich ab und zu mal ein Bonbon bekam.

So makaber es anmutet, aber Kriegszeiten sind Boomzeiten. Es mussten Panzer gebaut, Munition gefertigt und in unserem Agrarstaat Indiana geerntet werden. Dad fand eine neue Stelle in der Nahrungsmittelindustrie. Und er war glücklich. Oder glücklicher. Zumindest so glücklich, dass die Schläge aufhörten. Meine Mom lachte wieder. Ich war erschrocken. Nie hatte ich sie lachen gehört. Mein Dad brachte Karamellbonbons mit nach Hause, war netter zu uns. Es war surreal, obwohl ich das Wort zu dem Zeitpunkt noch nicht kannte.

Mom konnte Stoff kaufen, um uns Kleidung zu nähen. Während der Großen Depression mussten wir wie so viele Kleider aus alten Mehlsäcken tragen. Wir hassten sie. Sie waren so … einfach. Bis ein paar Mühlen 1939 anfingen, bedruckte Stoffe zu verwenden, als ihnen klar wurde, wofür ihre Säcke noch verwendet wurden. Zum ersten Mal hatte ich ein hübsches Kleid, aber nicht zu vergleichen mit der schönen Kleidung, die Mom uns jetzt nähen konnte.

Meine Schwestern blühten auf, waren fröhlich. Und dann im Sommer 1942 brachte meine älteste Schwester Maura zum ersten Mal einen Jungen mit nach Hause. Ich war neun Jahre alt, aber ein Blick genügte und es war um mich geschehen.

Er war sechzehn, groß, nicht nur aus meiner Froschperspektive. Viel größer als alle Jungen, die ich bisher kannte. Beinahe schon ein Mann. Er hatte schwarze Haare, strahlend blaue Augen, ein Lächeln mit Zähnen so weiß, wie ich sie nie gesehen hatte. Er war schlank, aber trotzdem kräftig. Und er hieß William King.

Ich malte mir aus, wie es sein würde, wenn er meine Hand halten würde, statt Mauras. Wenn er mich küssen würde, statt sie. Eines Abends brachte Maura ihn nach draußen. Meine Mom drückte mir ein paar Minuten später den Müllsack in die Hand und ich ging hinaus. Und da sah ich sie. Er hatte Maura gegen die Holzwand gedrückt, küsste sie leidenschaftlich und hatte ihre Brust in seiner Hand. Ich blieb mit offenem Mund stehen. Und obwohl ich nie im Leben bereit für so etwas gewesen wäre, wünschte ich mir, an ihrer Stelle zu sein.

Leise brachte ich den Müll weg, ging dann in mein Bett, das ich mit meinen Schwestern Molly und Beth teilte, und weinte dicke Tränen, weil William King mir soeben das Herz gebrochen hatte. Ohne es zu wissen. Ohne überhaupt zu wissen, dass es mich gab und mein kleines Herz nur für ihn schlug. Nichts ist so bitter wie die erste, nicht erwiderte Liebe.